Ist das das Paradies oder doch nur Peru?

Hallo liebe Leser. Vielen Dank für euer Interesse an, und eure Kommentare zu meinem Blog! Ich grüße euch aus Pucallpa!

Dienstag, 19. Oktober 2010

Curiaca und Pueblo Nuevo

Am Montag Nachmittag ging es für mich das zweite mal in eine Shipibo Comunidad. Zusammen mit dem AIDER Techniker Eder fuhr wir zunächst mit dem Mototaxi zum Hafen von Pucallpa. Unser Ziel war Curiaca. Curiaca ist im Vergleich zu Callería etwas größer und liegt flussaufwärts. Im Hafen waren einige etwa 25 Meter lange und 4 Meter breite ziemlich vollbepackte Boote festgemacht. Wir entschieden uns für die „Adonay“. Im Passagierraum, der sich über die gesamte Länge des Bootes hinzog, war schon eine Hängematte an die nächste gereit. Ich konnte mich zum Glück noch im hinteren Teil, genau neben dem riesigen und stinkenden chinesischen Motor, zwischen zwei andere Hängematten quetschen. Unter mir war jede Menge Ladung verstaut. Auf diesen Booten, die Colectivo genannt werden, wird anscheinend alles transportiert, was irgendwer irgendwo im Amazonasgebiet gerade braucht. Zwischen Papayas und Reissäcken, Bananenstauden und 3-Liter-Coca Cola Flaschen und jeder Menge anderer Ladung, war auch immer wieder das Krähen von Hühnern zu vernehmen.

Eder hatte nicht so viel Glück wie ich. Er musste die ganze Fahrt auf den Bänken an der Seite sitzen. Dazu sei gesagt, dass es sich bei dieser Fahrt nicht etwa um 6 Stunden wie nach Calleria handelte, sondern um ganze 24 Stunden. Flussaufwärts kamen wir gegen die starke Strömung nur langsam voran und an jedem noch so kleinen Hafen wurde Halt gemacht um Passagiere und Fracht auf- oder abzuladen.

Die Fahrt war wirklich sehr abenteuerlich. Da ich leider meine Decke und meine langen Klamotten in meiner Tasche verstaut hatte, die irgendwo im Boot, aber leider nicht bei mir war, fror ich ein wenig bei den doch recht kühlen Nachttemperaturen auf dem Fluss.

Um 3 Uhr am nächsten Nachmittag kamen wir dann endlich in Curiaca an. Curiaca liegt an einer kleinen Quebrada, die Caco heißt. Eine Quebrada hat die Form eines Flusses, unterscheidet sich jedoch dadurch, dass sie keine Quelle besitzt, sondern ihr Wasser aus dem Fluss in den sie mündet, in diesem Fall der Ucayali, bezieht. Wir fingen direkt mit unserer Arbeit an, weil wir schon am Freitag zurück nach Pucallpa fahren und auch noch einer andern Comunidad, Pueblo Nuevo, einen Besuch abstatten wollten. Unsere Aufgabe für die nächsten Tage war erstens Daten für ein Kunsthandwerksprojekt zu erheben und zweitens mit den Holzfällern eine Baumzählung und Kartografierung im Wald zu planen.

die Quebrada "Caco"

Straße in Curiaca - es gibt hier keine Fahrzeuge und die Laternen werden auch nur zu Festlichkeiten angemacht, weil der Treibstoff für den Generator sehr teuer ist

typische Häuser

hier werden über ein Megaphon Tag und Nacht die Neuigkeiten in Curiaca verkündet

Das Kunsthandwerksprojekt verfolgt das Ziel, die Vermarktung der verschieden Produkte zu fördern und zwischen den verschieden Comunidades einen gesunden Wettbewerb und Zusammenarbeit zu fördern. Eder hatte einen ganzen Stapel Fragebögen dabei. So zogen wir von Haus zu Haus und füllten mit Hilfe von Silverio, einem anderen AIDER Techniker, der bereits vor Ort war und der uns bei Sprachhindernissen behilflich war (die geläufige Sprache in den Comunidades ist Shipibo - zwar wird Spanisch auch in der Schule unterrichtet und auch von vielen Leuten gesprochen, doch besonders die älteren Frauen haben ihre Probleme), die Fragebögen aus. Ich sollte mit meiner Kamera dokumentieren und die verschieden Produkte fotografieren.

Unterschrift für das Kunsthandwerksprojekt

Töpfereien mit Shipibo Muster


aus diesen Samen werden Armbänder hergestellt

Die Planung der Baumzählung belief sich darauf, dass Eder eine Versammlung einberief. Es waren zwar einige Männer da, doch sie schienen meines Erachtens desinteressiert an dem, was Eder erzählte. Ich bin gespannt, ob Eder´s Plan, Anfang November mit den Männern für 7 Tage in den Wald zu gehen und Bäume zu zählen, in die Tat umgesetzt wird.

So vergingen 3 Tage in Curiaca und ich hatte viel weniger Zeit als in Calleria am Leben der Comuneros teilzuhaben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das war zwar etwas schade, allerdings muss man bedenken, dass wir ja zum abeiten nach Curiaca gefahren sind. Der einzige wirkliche Kontakt, den ich mit den Comuneros hatte, war mit Alexander, dem 12 jährigen Sohn des Präsidenten des Holzfällerkomitees. Er war wirklich sehr intelligent. Es hat richtig Spaß gebracht sich mit ihm zu unterhalten, im Fluss (bzw. Quebrada) zu baden und wilde Früchte zu suchen. Für das Müllprojekt habe ich schließlich noch ein paar Fotos in Curiaca geschossen. Es war erschreckend zu sehen, wie viel Müll sich bereits im Gebüsch hinter den Häusern angesammelt hat. Curiaca hat im Gegensatz zu Calleria noch keinen einzigen Mülleimer, hat aber durch die regelmäßig verkehrenden Colectivos einen viel intensiveren Konsum von müllproduzierenden Produkten wie Keksen, Limonaden und Dosen. Dass hier Handlungsbedarf besteht, ist außer Frage. Sofern das Projekt in die Tat umgesetzt wird, werde ich sicherlich wieder nach Curiaca fahren und werde dann hoffentlich etwas mehr von dieser Comunidad kennenlernen.

hinter den romantischen palmgedeckten Häusern der Comunidad sieht es leider allzu häufig so unromantisch aus

So ging es am Donnerstag Mittag dann auf nach Pueblo Nuevo. Wir entschieden uns zu Fuss zu gehen, weil ich noch etwas von dem Wald kennenlernen wollte. Auf dem einstündigen Weg rissen bereits nach 5 Minuten die Trageriemen meiner 6-Sol Wini Poo Tasche ab. Es war äußerst anstrengend die schätzungsweise 15 Kilo auf Schultern und Kopf bei 35 Grad Hitze zwischen dichtem Unterholz zu manövrieren. Zu allem Unglück führte uns das GPS Gerät auch an unserem Ziel vorbei. So erreichten wir erst nach eineinhalb Stunden völlig durchgeschwitzt Pueblo Nuevo. Diese Comunidad unterscheidet sich von der Größe her nicht wesentlich von Curiaca. Sie liegt ebenfalls an der Caco Quebrada. Im Zenturm liegt der Fußballplatz, um den sich Wohnhäuser und alle wichtigen Gebäude, wie die Schulen und das Holzwirtschaftrsbüro, in dem wir übernachteten, gruppieren. In Pueblo Nuevo mussten wir alles was wir in Curiaca gemacht hatten in nur etwa 24 Stunden schaffen. Demenstprechend lernte ich von dieser Comunidad noch weniger kennen.

Fußballplatz in Pueblo Nuevo

Auf diesem Herd wird gekocht

Am Freitag Mittag fuhren wir mit einem Peke Peke von Pueblo Nuevo zur Anlegestelle der Adonay. Man hat uns statt Benzin leider Petroleum verkauft. In einer hetzigen Aktion mussten wir so den Motor ausleeren und schnell Benzin besorgen. Hätten wir die Adonay verpasst, müssten wir 2 weitere Tage in Pueblo Nuevo oder Curiaca verbringen, was uns vor dem Hintergrund, dass all unsere Essensvorräte bereits aufgebraucht waren, als nicht sonderlich schön erschien. Schließlich kamen wir an der Anlegestelle an,und waren erleichtert, dass die Adonay noch nicht angekommen war. Wir mussten sogar noch 2 Stunden warten – hier in der Amazonía ticken die Uhren einfach ezwas anders – bis das farbenfrohe Boot endlich auftauchte. Die Rückfahrt war ähnlich wie die Hinfahrt. Auf dem Boot waren deutlich weniger Passagiere, doch es wurden 2000 Fuss Shihuahuaco, ein extrem hartes und schweres Tropenholz, geladen. Um mit der schweren Ladung nicht auf Sandbänke aufzulaufen und aus Angst vor Überfällen, verbrachten wir die Nacht in einem kleinen Hafen, weshalb die Rückfahrt, obwohl das Boot flussabwärts viel schneller fährt, auch 24 Stunden dauerte. Ich hatte noch ein recht interessantes Gespräch mit einem Argentinier, der im Regenwald an einer Ayahuasca Zeremonie teilgenommen hatte (Ayahuasca ist eine natürlich Droge, die aus einer bestimmten Liana bewonnen wird – man soll wohl Halluzinationen bekommen) und verbrachte dann eine mehr oder weniger erholsame Flussfahrt. So kam ich am Samstag Nachmittag nach nur 6 Tagen wieder zu Hause in Pucallpa an.

Tingo Maria

Endlich habe ich es geschafft, Tingo Maria zu besuchen. Nachdem die Cocaleros meinen Plan schon einige Male zunichte gemacht hatten, ging es am Freitag, den 08.10.2010 zusammen mit den anderen 4 DED Weltwärtslern auf die 8 stündige Busreise. Die Fahrt war zunächst nicht sonderlich spektakulär, da bis Aguaytia, 180 Kilometer von Pucallpa, weitgehend Sekundärwälder und Weideflächen das Landschaftsbild prägten. Nach Aguaytia jedoch tauchte am Horizont die Silouette der Cordillera Azul, der blauen Gebirgskette, auf. Für mich war es ein sehr schönes Gefühl, nach einem Jahr endlich wieder die Ausläufer der Anden, diesem beeindruckenden Gebirge, zu sehen. Durch eine spektakuläre Schlucht, dem Boqueron del Padre de Abad, führte uns die Straße immer weiter nach Oben. Die fast senkrechten und schätzungsweise 500 Meter hohen Bergwände neben der Straße waren von tropischer Vegetation überwuchert und immer wieder stürtzten Wasserfälle direkt neben der Straße in die Tiefe und fanden ihren Weg in den reißenden Fluss. Der Boqueron del Padre de Abad ist eine wirklich beeindruckende Landschaft, der ich wohl bald an einem Wochenende einen ausführlicheren Besuch abstatten werde.

Die Straße führte weiter bis zu einem 1600 Meter hohen Pass. Von dort an ging es nur noch bergab – zum Glück waren der Bus und seine Bremsen in einem akzeptablen Zustand – bis nach Tingo Maria. Tingo Maria liegt zwischen mehreren waldbedeckten Bergen in einem kleinen Talkessel. Eine der Atraktionen dieser Stadt ist ein Berg, „La Bella Durmiente“, der an eine „schlafende Schönheit“ erinnert. Der weitgehen primäre Regenwald bietet viele Naturerlebnisse und das Kilma ist durch die höhere Lage auch angenehmer als in Pucallpa.



die schlafende Schönheit

Tingo´s Hauptstraße

Angekommen in Tingo Maria gingen wir erst einmal auf Hostelsuche. Auf der Hauptsraße im Zentrum begegneten wir dann zufällig zwei „Gringas“. Sie gingen erst an uns vorbei, drehten sich dann aber um und sprachen uns auf Deutsch an. Es waren Judith und Franzi, zwei Weltwärtslerinnen der Organisation „Ecoselva“. So haben wir bereits das zweite Mal – das erste Mal war auf dem Oktoberfest in Pucallpa – zufällig deutsche Weltwärtsler getroffen. Die Weltwärtsler-Welt ist echt klein:-) Nachdem wir dann ein 7 Sol 50 (1,80€) Hostel gefunden haben, zogen wir noch ein bisschen durch die Straßen Tingos.

Am Samstag besuchten wir den „Parque Nacional de Tingo Maria“. Hier wanderten wir ein paar Stunden durch den tropischen Bergregenwald und machten an zwei Wasserfällen eine Badepause. Der Nationalpark war zwar recht klein, dadurch aber auch wenig frequentiert. Wir haben während der Wanderung nur eine andere Person auf dem Weg getroffen. Die Landschaft bediente fast alle Regenwaldklischees. Von bunten Vögeln über Blattschneiderameisen bis zu gigantischen Urwaldriesen gab es hier alles zu sehen. Abends gab es Essen auf dem Markt von Tingo und ein kaltes Bier in einer Bar.












Am Sonntag gingen wir um 6 Uhr Morgens zu der „Cueva de las Lechuzas“. Diese Höhle taucht in allen Reiseführern im Zusammenhang mit Tingo Maria auf. Ich war etwas enttäuscht, als wir bereits nach 3 Minuten das Ende des Rundganges durch die Höhle erreicht hatten. Zwar wurden wir Zeugen des allmorgendlichen Schrei- und Krächzkonzertes der Vogel in dieser Höhle, doch zu Augen bekamen wir sie auch nur schemenhaft, da meine Taschenlampe nicht stark genug war. Nachmittags gingen wir mit Andi, einem peruanischen Freund von Judith und Franzi, zur „Laguna de los Milagros“ - Lagune der Wunder. Da die Regenzeit noch nicht richtig eingesetzt hat, war diese Wunderlagune eher ein großes Wunderschlammloch. Das Baden hat aber trotzdem Spaß gemacht.






Kakao

Für mich hieß es Sonntag dann schon wieder Abschied nehmen von Tingo Maria. Montag erwartete mich meine zweite Reise in eine der Shipibo Comunidades. Dafür musste ich noch meine Sachen packen und Essen einkaufen. Nach einer 4 stündigen ziemlich rasanten Fahrt mit einem Minivan kam ich dann wieder in Pucallpa an. Tingo Maria ist eine Stadt, die es lohnt besucht zu werden. Ich nehme viele Eindrücke und Bilder des Bergregenwalds von dieser Reise mit. Doch nun hatte mich für wenigstens einen halben Tag die quirlige Urwaldstadt – Pucallpa – zurück. Langsam fühle ich mich hier echt ein wenig zu Hause!



Donnerstag, 7. Oktober 2010

Mein zu Hause

Nun wohne ich schon gut drei Wochen zusammen mit Nora, Amelie, Laszlo und Liza bei Techy. Der Umbau, der eigentlich ja so schnell gehen sollte, hat sich nun doch etwas in die Länge gezogen. Wir leben also momentan mehr oder weniger gemütlich auf einer Baustelle. Die Küchengeräte liegen vorübergehend auf dem Boden, mein Zimmer ist momentan noch eher ein Staubloch, das neue Wohnzimmer sieht noch aus wie ein Gefängnis und mittendrin läuft Kira, der verrückte kleine Hunde von Techy, herum, frisst den Zement auf und nutzt jede Gelegenheit auf die Straße zu fliehen, was für uns dann immer eine riesige Suchaktion bedeutet.

Mein Zimmer - an der Wand steht mein Regal - es fehlt noch eine Oberflächenbehandlung...momentan schwanke ich zwischen lackieren und ölen

Unser neues Wohnzimmer

Hier wohnen die anderen 4

Mein Zimmer von draußen

Unsere Küche

...

Viel Neues gibt es sonst nciht von mir zu berichten. Das Müllprojekt macht kleine Fortschritte und nach einer kleinen Abkühlung am Sonntag ist es wieder super heiß hier. Doch das Wochenende und die nächste Woche verprechen spannend zu werden. Es geht morgen mit den 4 anderen Freiwilligen nach Tingo Maria und am Monatg fahre ich mit Eder, einem Techniker von AIDER, in 24 Bootsstunden entfernte Comunidad. Ich werde schnellst möglich berichten!

Mittwoch, 29. September 2010

Yarinacocha

Als Abschlussveranstaltung der 8. nationalen Unisportspiele, die dieses Jahr an der "Universidad Nacional de Ucayali" (UNU) stattfanden, hat unsere Gastmutter Techy letzten Samstag eine Bootstour auf der Yarinacocha organisiert. Als sie uns vier fragte, ob wir nicht daran teilnehmen wollten, konnten wir nicht ablehnen. Ihr bedeutete dieses Sportfest wirklich sehr viel und sie hatte die Tage zuvor wirklich Tag und Nacht damit verbracht Unterkünfte für die Sportler zu organisieren, mit ihrem ständig klingelnden Handy alles mögliche zu koordinieren und selber noch an Sportveranstaltungen teilzunehmen. So standen wir also am Samstag Morgen, statt wie eigentlich geplant endlich einmal lange zu schlafen, um 8 Uhr 30 am Hafen von Yarina. Uns erwarteten 5 Langboote, die bereits vollbesetzt waren. Die Bootstour führte über die Yarinacocha (Yarinacocha bedeutet übersetzte "Palmensee", von yarina=eine Palmenart, die hier zum Dachdecken benutzt wird, und cocha=See) zu der Comunidad San Francisco. Die Yarinacocha ist sehr schön in tropischer Vegetation, wenn auch nicht mehr primärer Wald, gelegen. Wir konnten mehrere Süßwasserdelfine, die hier noch recht häufig anzutreffen sind, beobachten. So schipperten wir etwa eine Stunde über den See, bis wir in San Francisco ankamen. San Francisco ist eine ganz andere Art von Comunidad als Callería. Sie ist zuerst einmal viel größer und durch eine Straße mit Pucallpa verbunden. Dementsprechend gibt es hier eine Infrastruktur, Laternen, elektrischen Strom, einige Mototaxis und einen regen Durchgangsverkehr. Hier scheint sehr viel auf die Touristen ausgelegt zu sein, die aus allen Teilen Perus und immer mehr auch aus der restlichen Welt kommen. Man bekommt von den Frauen San Franciscos ihre Artesanía zum Verkauf angeboten und an jeder Ecke kann man eine eisgekühlte Coca Cola kaufen.







Mir hat es in San Francisco nicht sehr gut gefallen. Für mich war es ein weiteres Beispiel dafür, dass eine Kultur auf Grunde der moderne Zivilisierung aufgegeben wurde und nur noch für den Tourismus aufrecht erhalten wird. Man kann es den Menschen zwar nicht verdenken, dass sie auch gerne die Annehmlichkeiten von Strom und die Produkte der westlichen Welt genießen wollen, doch die Art und Weise und Geschwindigkeit in der diese Veränderung geschieht, sehe ich sehr kritisch.

Letztend Endes haben wir vier in San Francisco keine Artesanía gekauft. Es war zwar schön, diese Comunidad einmal zu besuchen, doch ich persönlich habe mich in Callería wohler gefühlt. Auf dem Rückweg besuchten wir noch eine sehr kleine Comunidad, die nur 3 Minuten Bootsfahrt vom Hafen von Yarina entfernt liegt. Hier habe ich mich wirklich gefragt, ob nicht die komplette Comunidad nur noch für den Tourismus aufrecht erhalten wird. Es schien mir einfach zu unrealistisch, dass 3 Minuten von einer 300.000 Einwohner zählenden Stadt noch eine "funtionierende" Comunidad existieren soll. Mit Sonnenbrand, was einfach unvermeidbar war, denn die Sonner schien auch von der Wasseroberfläche aus ihr UV Strahlen auf unsere weiße Haut zu schießen, kamen wir Mittags nach Hause und legten uns erst einmal aufs Ohr. Der Ausflug war insgesamt ganz nett, aber auch nicht besonders.





Am Samstag Abend gingen wir dann wie schon die Woche zuvor feiern. Die pucallpinischen Discotheken unterscheiden sich im Prinzip nicht von den Deutschen. Nora und Amelie hatten sich zum Ziel gesetzt, diesen Abend nichts zu bezahlen, was sie letztendlich sogar auch geschafft haben. Männer müssen in den Discos in Pucallpa Eintritt bezahlen, weshalb Laszlo und ich dieses Ziel schon von Anfang an nicht erreichen konnten. Wir wurden aber oft auf Getränke eingeladen und kamen somit auch ganz gut davon.

Nach einem entspannten Sonntag war das Wochenende dann leider schon wieder vorbei. Die Arbeitswoche ist bis jetzt von dem neuen Projekt geprägt, zu dem ich nun ein paar Worte verlieren werde.

Es handelt sich um ein Umweltsensibilisierung- und Abfallmanagementprojekt in den 7 FSC zertifiezierten Comunidades, mit denen AIDER zusammen arbeit. Wir, das sind Melanie, Julie und ich, arbeiten momentan ein Konzept für dieses Projekt aus. Im ersten Entwurf sieht das Projekt wie folgt aus: Wir wollen Mülleimer in allen Comunidades aufstellen. Es werden jeweils zwei Mülleimer zusammen stehen- organisch und anorganisch. Der anorganische Müll wird in einem Mülllagerzentrum sortiert und für den Transport nach Pucallpa vorbereitet, wo er dann verkauft werden kann. Der organische Müll soll voraussichtlich in den Comunidades kompostiert werden. Parallel läuft eine Blidungsschiene, bei denen die Comuneros sensibilisiert werden sollen. Das Ziel ist, dass es in allen 7 Comunidades ein funktionierendes Abfallentsorgungssystem gibt. Das verdienete Geld, leider sehr bescheiden, kommt den Comunidades zugute.

Ich habe sehr viel Lust dieses Projekt durchzuführen, auch wenn wir schon sehr viele Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen hatten. Es wird sicherlich nicht immer leicht, doch ich glaube, dass es mit einer guten Planung und Durchführung in einem Jahr zu schaffen ist. Nachdem wir die Konzeption auf Papier gebracht haben werden, wird die nächste Hürde sein, eine Finanzierung für das Projekt zu finden. Es wird sicherlich in der nächsten Zeit sehr spannend hier für mich werden.

Allgemein hat sich hier in Pucallpa nicht großartig viel verändert. Wir haben seit Samstag eine Hitze, die wirklich nicht mehr angenehm ist. Das Thermomete hat gestern die 37 Grad Marke geknackt und heute fühlt es sich noch heißer an. Nun kann ich heute auch nicht den kleinen Swimmingpool bei unserer Arbeit benutzen, in dem ich mich sonst immer mal wieder in der Mittagspause abküle, weil er heute mit irgendwelchen chemischen Mitteln gereinigt wird. Mein Zimmer ist leider immer noch eine Baustelle. Seit zwei nächten habe ich kein Bett mehr, sondern muss mit meiner durchgelegenen Matratze auf dem Fußboden schlafen. Als mein Kleiderschrank vorgestern Abend dann auch von innen verstaubt war und ich eine Nacht-Wasch-Session einlegen musste, war ich schon ziemlich genervt. Doch ich bin zuversichtlich, dass ich Samstag Nacht in meinem neuen sauberen Zimmer in meinem Bett schlafen kann. Vielleicht nimmt dann auch mein Regal schon Form an, für das ich heute endlich Holz gekauft habe. Es sind 9 Platten Quinilla, die mir schon auf das richtige (richtig natürlich nach peruanischem Maßstab) Maß geschnitten und abgeschliffen wurden. Das Holz ist wunderschön, rötlich braun, aber auch extrem schwer. Schätzungsweise wiegen alle Platten zusammen 150 Kilo. Ich hoffe, dass ich mit diesem Gewicht mein Regal zusammengezimmert bekomme. Auf jeden Fall habe ich sehr viel Lust, einfach mal zu versuchen und mich einfach mal an die Arbeit zu machen.

Nun stehen Sonntag auch die Regional- und Kommunalwahlen auf dem Programm. Von Freitag bis Montag wird kein Alkohol verkauft werden. So versucht die peruanische Regierung die Situation, die bei Wahlen in Südamerika leicht außer Kontrolle geraten kann, im Griff zu haben. Ich bin sehr gespannt, was mich am Sonntag hier in Puallpa erwarten wird. Ich stelle mir vor, dass unheimlich viele Menschen auf den Straßen sein werden, und Pucallpa noch quirliger wird.

Neben allem, was ich hier in Pucallpa erlebe, wird in mir der Wunsch nach einer Reise auch langsam immer größer. Ich werde schauen, ob aus dem Plan, nächste Woche in eine Comunidad zu fahren, tatsächlich etwas wird. Wenn nicht, dann kann es gut sein, dass ich mir nächste Woche ein paar Tage frei nehme. Die Raftingtour geht mir nicht mehr aus dem Kopf und ich möchte auch immer noch Tingo Maria und die nähere Ungebung von Pucallpa kennenlernen.

Ich schicke euch sonnige aber verschwitzte Grüße aus Pucallpa ins regnerische Deutschland.




Donnerstag, 23. September 2010

Umzug, Einweihung und zu früh gefreut

Nach 11 Tagen in Callería musste ich mich nun erstmal wieder hier in Pucallpa einleben. Ich glaube, dass ich in meinem Leben vorher noch nie so lange komplett ohne Strom und fließend Wasser ausgekommen bin. Ich habe etwa zwei Tage gebraucht, um meine ganzen Mails zu lesen. Es ist schon erstaunlich, wie alltäglich und selbstverständlich einige Luxusgüter in unserem privilegierten Leben geworden sind. Ich bin in Callería aber sehr gut ausgekommen. Ich glaube es ist sogar mal ganz gut, dass man 11 Tage nicht seine Mails liest, Filme guckt und im Internet surft. So macht man Dinge - in meinem Fall zum Beispiel Lesen - denen man sonst nicht so häufig nachgeht. Ich habe in Callería viel nachgedacht und habe die ganze Zeit in der Natur verbracht. Für mich war das eine wirklich sehr wertvolle Erfahrung.

In Pucallpa geht das Leben seinen gewohnten Lauf. Es ist laut, heiß, staubig und quirlig. Ich bin letzten Donnerstag umgezogen. Ich wohne jetzt mit drei von den 4 neuen Freiwilligen zusammen bei Techy. Das ist das Haus, wo vorher Claudi gewohnt hat und wo jetzt auch noch Liza wohnt. Ich möchte an diesem Punkt ganz kurz die 4 neuen Freiwilligen vorstellen. Ich wohne jetzt mit Nora, Amelie und Laszlo zusammen. Laszlo arbeitet in der Handelskammer von Pucallpa und hat somit den Platz von Claudi übernommen. Nora und Amelie arbeiten zusammen in einem Projekt, das arbeitende Kinder und Jugendliche unterstützt. Die fünfte in unserem Bunde, Melanie, arbeitet mit mir zusammen bei AIDER. Sie wohnt dort, wo ich bis letzte Woche auch noch untergebracht war. Jetzt aber zu dem Umzug. Ich wollte ja schon die ganze Zeit gerne in dieses Haus ziehen. Es hieß aber immer, dass alle Zimmer belegt sind. Doch letzte Woche zeigte mir Techy ein kleines Zimmer, welches ich vorher noch nicht entdeckt hatte und das ich sofort beziehen konnte. Es ging dann letzten Donnerstag alles sehr schnell. Ich packte nach der Arbeit alle meine Sachen zusammen und fuhr mit dem Mototaxi schwerbepackt zu meinem neuen zu Hause. Innerhalb von nur zwei Stunden bin ich so umgezogen. Ich fühle mich in meinem neuen zu Hause sehr wohl. Wir können jeden Abend zusammen draußen sitzen, zusammen Essen, uns unterhalten - leider noch ein bisschen zu oft auf Deutsch - und einfach unsere Erlebnisse mit den anderen teilen. Mein Zimmer ist zwar klein aber fein. Ich habe ein Bett, einen Schrank, was äußerst angenhem ist, und ein eigenes Bad. Nun hat Techy sogar entschieden, dass sie im Haus umbauen möchte. Ich werde also innerhalb der nächsten zwei Wochen ein größeres Zimmer haben und kann mich dann auch endgültig einrichten.

Am Dienstag wurde das Centro de Acopio eingeweiht. Ich hatte in den vorherigen Tagen wirklich sehr viel dort gearbeitet. Ich habe mehrere Blumenbeete angelegt, was übrigens meine Idee war und von AIDER dann direkt mit den nötigen Finanzmitteln unterstützt wurde (darauf bin ich auch ein bisschen stolz), und habe mit anderen Leuten die Baustelle aufgeräumt. Wir haben Holzlatten, Ziegelsteine und allen Möglichen Kram, der halt auf einer Baustelle anfällt, in einer Ecke des Zentrums aufgestapelt. Dabei sind wir auch Schlangen, Ratten, Giftspinnen und unzähligen Kakerlaken begegnet. Letztendlich sah die Baustelle dann rechtzeitig zur Einweihung wirklich annehmlich aus. Es waren viele Gäste eingeladen und nach einer Zeremonie, die alle Klischees einer Einweihung, bis zu der Segnung durch einen Pastor, erfüllte, waren alle sehr angetan von dem Projekt. Es wurde ein Vertrag zwischen einem Comunero und einem Unternehmer aus Lima, der zukünftig Holz von dem Projekt beziehen möchte, unterzeichnet. Das war ein sehr bedeutender und wichtiger Schritt, denn bis jetzt hatte das qualitativ einwandfreie und zertifizierte Holz aus den Comunidades noch keinen richtigen Marktzugang. Ein Grund dafür war und ist das Fehlen von einer Infrastruktur, womit ja nun mit dem Centro de Acopio ein Anfang gemacht wurde. Ich bin von dem Projekt mitlerweile sehr überzeugt und hoffe, dass es in Zukunft die Vermarktung von dem Holz aus den Comunidades vorrantreiben wird und somit eine Art Vorbildfunktion für nachfolgende Projekte und größere Holzfirmen erfüllt.

Zu früh gefreut habe ich mich bezüglich meiner Fußballmanschaft. Es ist mitlerweile schon über 3 Wochen her, als ich mit Passfotos und Ausweis ausgestattet zum Stadion von Pucallpa ging, um mit dem Trainer der Manschaft meinen Spielerpass auszustellen und alles Weitere zu besprechen. Nach halbstündigem Warten erklärte der mir dann jedoch am Telefon, dass ich doch nicht in seiner Manschaft spielen kann, weil ich keine peruanische Staatsbürgerschaft habe. Die einzige Möglichkeit wäre, wenn ich eine Peruanerin heiraten würde. Da das nun wirklich nicht meine Vorstellung von meinem weltwärts Jahr in Peru ist, ging ich nach einigen Gesprächen mit "offiziell-aussehenden" Personen, jedoch nicht schlauer als vorher, entmutigt nach Hause. Bis jetzt hatte ich keinen Kontakt mehr mit dem Trainer der Mannschaft, obwohl er mich noch einmal anrufen wollte. Ich befürchte also, dass es hier mit einer Fußballmanschaft nicht so einfach werden wird. Doch ich muss nicht ganz ohne Sport leben. Heute und gestern habe ich mit meinen Arbeitskollegen während der Arbeitszeit auf einem überdachten Kunstrasenplatz gespielt und ich gehe auch weiterhin ins Fitnessstudio. Da Laszlo jetzt auch mit dabei ist, bringt es noch mehr Spaß. Nun kam auch ein Arbeitskollege von mir zu mir und meinte, dass er im Vorstand eines Fußballvereins in Pucallpa sitzt und mal schauen würde, was er für mich machen kann. Ich erhoffe mir davon nicht allzu viel, doch vielleicht wird ja aus der "ersten internationalen Kooperation" doch noch etwas.

In den nächsten Tagen habe ich keine spezifischen Aufgaben. Ich werde wohl Anfang Oktober, nach den Regionalwahlen, die in ganz Peru am 3.10. stattfinden, wieder in eine Comunidad fahren und dann kommt mich um den 20. herum ja auch schon Jojo besuchen. Ich werde euch auf dem Laufenden halten und in meinem nächsten Eintrage von einem Projekt berichten, das hier vielleicht meine Arbeit für die nächsten 6 Monate werden könnte. Da das aber alles noch sehr unsicher ist, werde ich jetzt erstmal nichts darüber schreiben. Lasst euch überraschen!

Mittwoch, 15. September 2010

Callería

1. Tag (Freitag, 03.09.2010)

Nach Tagen ohne genau zu wissen, wann es nun endlich los zu einer Shipibo Comunidad geht, war es heute endlich soweit. Julie und ich hatten bereits gestern 30 Kilo Essensvorräte für 10 Tage eingekauft und 40 Liter Trinkwasser organisiert. Wir fuhren voll bepackt zusammen mit unserem Kollegen Richard, der sich in den folgenden Tagen als sehr treuer Begleiter herausstellen sollte, um 9:30 vom AIDER Büro ab. Es ging zunächst mit dem Mototaxi nach Yarina. Diese Stadt ist mittlerweile mit Pucallpa zusammengewachsen. Ihren Namen verdankt sie der Lagune Yarinacocha. In Yarina stiegen wir in ein sehr ramponiertes Auto, das uns in den folgenden eineinhalb Stunden auf sehr abenteuerliche Art und Weise zu einem kleinen Flusshafen (eher ein paar Hütten mitten in der Selva mit Stock zum festmachen für die Boote) beförderte. Neben uns dreien saßen in dem Auto noch Richards Schwester und seine Frau jeweils mit Kind auf dem Arm. Auf der Hälfte der Fahrt bemerkten wir dann auch, dass sich zwischen dem Gepäck im Kofferraum noch ein weiterer Mitfahrer befand. Wir waren also hoffnungslos überladen und polterten die mit Schlaglöchern durchsähte Piste entlang. Ich frage mich wirklich, wie ein nicht geländetauglicher japanischer Kombi so eine Fahrt auch nur einmal überleben kann. Jedenfalls kamen wir letzten Endes gut an dem „Hafen“ an. Hier wartete das nächste Abenteuer auf uns. Da momentan Trockenzeit herrscht führt der Ucayali Niedrigwasser. Wir mussten uns also eine halbe Stunde durch das Flussbett kämpfen, um das Wasser zu erreichen und diesen Weg blöderweise auch noch zweimal zurücklegen, weil die schätzungsweise 120 Kilo Gepäck allein von mir und Julie einfach nicht auf einmal zu schaffen gewesen wären.

Völlig erledigt und durchgeschwitzt saßen wir dann gegen 13 Uhr endlich im Boot, das zwei von Richards Brüdern steuerten. Es handelte sich bei diesem Boot, wie bei den meisten Booten die auf dem Ucayali und in seinen Nebenflüssen verkehren, um ein Peque-Peque. Das sind sehr lange und schmale Holzboote, die mit einem sehr abenteuerlichen Außenboardmotor, der aus dem Motor an sich und einem etwa 2,5 Meter langen Ausleger, an dessen Ende sich die Motorschraube und ein Ruder befinden, besteht. Es wurde eine zunächst entspannte Flussfahrt. Wir überquerten den Ucayali und bogen am gegenüberliegenden Ufer in den Rio Callería ein. Diesen Fluss konnten wir zunächst nur in Schlangenlinien hinauffahren, weil wir den Sandbänken, die sich nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche des sehr niedrigen Flusses befanden, ausweichen mussten. An einer besonders flachen Stelle mussten wir schließlich das Boot verlassen und mit Stöcken watend durch das Wasser einen geeigneten Weg suchen. Nachdem wir alle Sandbänke hinter uns gelassen hatten und nicht mehr ständig im Sand hängen blieben, waren es noch etwa 30 Minuten bis nach Callería.

Peque-Peque

Callería ist eine Comunidad der Shipibo Indianer. Das Wort Indianer lässt vor dem europäischen Auge zumeist ein Bild von nackten, mit Federn geschmückten Urwaldmenschen entstehen, die sich von Affen ernähren und den Schamanismus verfolgen. Dies ist in Callería, und soweit ich es bis jetzt mitbekommen habe in den meisten Shipibo Comunidades nicht der Fall. Die Shipibo sind laut wikipedia eine indigene Ethnie, „die im Osten Perús in der Umgebung des Flusses Ucayalí siedeln (Departamentos Loreto und Ucayalí); sie leben von Ackerbau, Fischerei und Tierhaltung. Ihre Sprache, die ebenfalls als Shipibo-Conibo bezeichnet wird, wird von ca. 26.000 Menschen gesprochen.“

Die Shipibo in Callería wohnen in einfachen palmengedeckten Holzhütten, die aufgrund des alljährlich in der Regenzeit auftretenden Hochwasser auf etwa ein Meter hohen Pfählen stehen. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist der Fluss. Es gibt keine Straßen, man badet sich im Fluss und benutzt dessen Wasser auch zum Trinken und Kochen. Es gibt kein herkömmliches Stromnetz, jedoch wurden vor einigen Jahren an etwa der Hälfte der Häuser Solarplatten aufgestellt, die tagsüber eine Batterie aufladen, die dann Nachts wenigstens ein paar Stunden eine Glühbirne betreiben kann. Außerdem hört man in den frühen Abendstunden auch aus einigen Ecken das Knattern von Generatoren und als dessen Folge auch Musik aus den wenigen Fernsehern, die das ganze Dorf beschallen.

Callería vom Fluss aus

typische Häuser

Nach unsere Ankunft in Callería zogen Julie und ich in das Haus von Richards Eltern. Es bestand aus einer Terrasse und einem Raum, wo wir es uns mit unseren Isomatten von AIDER und unter unseren Moskitonetzen bereits um halb 7 gemütlich machten, um eine mehr oder weniger erholsame Nacht – die Geräusche und Tiere des Urwaldes, die auch nicht vor den Wänden unseres Zimmers Halt machten, bedurften ein paar Nächte der Gewöhnung – zu verbringen. Ich war sehr gespannt darauf, was mich hier in den nächsten Tagen alles erwarten würde.


2. Tag (Samstag, 04.09.2010)

Unser Tag begann mit dem Sonnenaufgang um etwa 6 Uhr. Wir gingen zu Sally, einer Bewohnerin von Callería, die in den nächsten Tagen netterweise für uns kochen würde. Nach dem deftigen und reichlichen Frühstück hatten wir ein Gespräch mit dem Dorfoberhaupt (Dario Sanchez), dem Lehrer der Primaria und dem Promotor Forestal (José Reátegui). Julie stellte ihr Bildungsprojekt vor und bekam auch gleich die Rückmeldung, dass sie sofort am Montag damit anfangen könnte. Mein Anliegen war es, die demografischen Daten von Callería zu aktualisieren. Ich brauchte für AIDER verlässliche Daten über die Alters- und Geschlechtsverteilung der Bewohner von Callería. Dass ich damit neues Gebiet betrat, immerhin wusste zu diesem Zeitpunkt keiner der Comuneros die genaue Einwohnerzahl ihrer Comunidad, merkte ich schnell. Zwar war man von der Idee, diese Daten zu aktualisieren, auf Anhieb begeistert, doch es sollte eine nervige und zähe Arbeit werden, diese aufzutreiben.

Im Anschluss an unser Gespräch gab es eine Versammlung der ganzen Comunidad, bei der schätzungsweise ein Drittel der Bewohner anwesend war, um den Ablauf des heutigen Putztages zu koordinieren. Die Frauen säuberten in den nächsten Stunden den Hauptweg von Calleria, der sich auf der gesamten Länge der Comunidad entlangzog und gleichzeitig Hühnerstall, Fußweg und allgemeiner Treffpunkt war, und ich ging mit den Männern mit Macheten bewaffnet in die „Zona Forestal“ (forstwirtschaftlich genutzte Fläche des Waldes von Callería) um die einzelnen Pfade zu den zu fällenden Bäumen freizumachen. Das war eine sehr anstrengende Arbeit, doch bekam ich so bereits erste Eindrücke von dem Wald, der hier noch als primärer Urwald zu bezeichnen ist. Ich war die meiste Zeit mit Pablo, einem 48 Jährigen Comunero, unterwegs. Er zeigte mir nebenbei medizinische Pflanzen, und war sehr interessiert an mir und meiner Arbeit. Wir redeten auch über einige Probleme von Calleria. Da wäre zum Beispiel der Müll zu erwähnen. Es gibt zwar verschiedene Müllbehälter, doch wird in den „Organico“ Behälter auch der Plastikmüll, die Batterien und alles andere herein geworfen. Die Müllbehälter werden im Wald entleert und das Hochwasser transportiert dann den Müll alljährlich davon, sodass jedes Jahr das Problem wieder von neuem anfängt. Der Müll in Calleria ist ein wirkliches Problem und ich habe selbst nach mehreren Gesprächen mit verschiedenen Leuten immer noch keine Idee, wie man dieses lösen könnte. Vielleicht entwickelt sich daraus ja ein zukünftiges Projekt.

Richard

Nachdem ich beim Mittagessen die Bekanntschaft mit den „Tabanos“, einer wirklich gemeinen Stechfliegenart, die es anscheinend nur auf Menschenfüße abgesehen hat, gemacht habe und mit schmerzenden Füßen in unsere Hütte zurückging, habe ich eine ausgedehnte Siesta in meiner Hängematte gehalten. Die Mittagszeit ist wirklich sehr heiß und drückend. Es ist kaum jemand draußen und die ganze Comunidad wirkt wie ausgestorben. Nachmittags habe ich noch mit den anderen Jungen und Männern Fußball gespielt. Das war zwar ganz nett, immerhin war es das erste Mal seit etwa einem Monat, jedoch hatte ich leider meine Stollenschuhe in Pucallpa gelassen, weshalb ich es für die kommende Zeit bei diesem einen (verlorenen) Match beließ. Nach einer erfrischenden Kokosnuss und einem leckeren Abendessen, wieder mit vielen Stechfiechern, viel ich todmüde in mein Bett, beziehungsweise auf die dünne auf dem Boden liegende Isomatte.


3. Tag (Sonntag, 05.09.2010)

Nach einer unruhigen und schmerzenden Nacht – Die Fugen zwischen den Bodenleisten neben meiner Isomatte stellten sich in der Nacht als ideale Eingangstür für allerlei Krabbelgetier heraus – stand heute wieder eine Dorfversammlung auf dem Programm. 3 Stunden (davon mindestens eine Warten, bis alle, also ein Drittel, da sind) lang wurde, natürlich auf Shipibo, über alles Mögliche diskutiert. Wir verstanden leider nicht viel und konnten nur an den sehr emotionalen Gestiken der Sprecher erahnen, worum es sich wohl handelte. Nach der Versammlung gab es Mittagessen und natürlich genau als ich das Haus von Sally verließ um die etwa 700 Meter zu unserer Hütte zu gehen, öffnete der über den ganzen Morgen immer grauer werdende Himmel seine Pforten und ließ mich ganz schön nass werden. Die Mittagszeit verbrachte ich wieder in meiner Hängematte. Nachdem sich das Wetter nachmittags wieder beruhigt hatte, ging ich runter zum Fluss um ein wenig mit einem Einbaum-Kanu herum zu paddeln. Das war schwieriger als ich es mir vorgestellt hatte, denn diese kleinen, flachen und schmalen und Boote liegen wirklich sehr wackelig auf dem Wasser. Ich habe es glücklicherweise ohne zu kentern geschafft, ein paar schleifen auf dem ruhigen Fluss zu drehen. Nach dem Sonnenuntergang legte ich mich wieder in die Hängematte. Es waren mal wieder sehr viele Stechtiere in der Luft unterwegs. An den letzten Abenden war dies auch ein Grund dafür, dass wir so früh schlafen gingen. Heute hatte ich mir aber lange Klamotten angezogen und herausgefunden, dass die Mücken einen nicht stechen, wenn man in der Hängematte liegt und schaukelt. Es muss ein sehr lustiges Bild sein, einen Gringo in einer Shipibo Comunidad wie ein Kleinkind in einer Hängematte schaukeln zu sehen. Mir hat es aber in der gesamten Zeit viele Mückenstiche erspart und deswegen war mir ziemlich egal, was die Comuneros darüber denken. Um 19 Uhr wurden wir kurzfristig von Daniel, dem Ehemann unserer Köchin Sally, eingeladen, dem Gottesdienst der evangelischen Kirche, dessen Ursprung auf die Machenschaften von nordamerikanischen Missionaren zurückzuführen ist, beizuwohnen. Wir wurden zwar sehr nett begrüßt, doch war uns schnell klar, dass dies unsere einziger Abend in der Kirche sein würde.

Als wir müde in unser Zimmer kamen, wurden wir von einer ganzen Armee handtellergroßen Spinnen erwartet. Julie hatte ziemliche Angst, ich jedoch habe mir einfach gesagt, dass man dagegen nichts machen kann. Diese Tiere gehen jede Nacht in die Häuser der Menschen. Wenn sie so gefährlich wären, dann würde es in Callería sicherlich schon lange keine Menschen mehr geben. Es folgte eine erholsame und durchgeschlafene Nacht.

einer unserer nächtlichen Gäste


4. Tag (Montag, 06.09.2010)

Heute sollte ich sehen, wie ein Urwaldriese gefällt wird. Julie hatte mit ihrem Recyclingprojekt in der Grundschule zu tun, weshalb ich ohne sie mit Richard in den Wald ging. Wir fuhren statt wie geplant um 8 Uhr erst um 10 Uhr – Warten ist für mich in Südamerika zu einer alltäglichen Beschäftigung geworden – mit einem Einbaum-Kanu los. Zunächst passierten wir einen sehr idyllischen Urwaldkanal, der uns nach etwa 20 minütiger Fahrt zur Eva-Cocha, einem kleinen See, in dem viele Bewohner Callerias mit ihren Netzen fischen, führte. Hier verließen wir das Boot und gingen in den Wald. Wir kamen zu einem wirklich großen Baum der Art „Capirona“. Er hatte am unteren Ende einen Durchmesser von etwa 1,5 Meter und war in der näheren Umgebung mit Abstand der größte Baum. Ich hatte irgendwie ein schlechtes gewissen, dass ich jetzt dabei sein sollte, wie so ein beeindruckender Urwaldriese in wenigen Minuten niedergestreckt wird – schließlich bin ich ja eigentlich in Peru um den Urwald zu schützen als ihn zu zerstören. Dazu gleich aber noch mehr.

Wir trafen bei dem Baum zwei Holzfäller, die auch sofort die über einen Meter lange Motorsäge der Marke Stihl an schmissen. Es dauerte ungefähr 10 Minuten, bis der gewaltige Baum mit einem ohrenbetäubendem Lärm von zerberstendem Holz und einer wirklich erstaunlichen Erschütterung des Waldbodens viel. Mindestens 50 Jahre Leben wurden in 10 Minuten einfach beendet. Mit dem gefällten Baum vielen auch noch mindestens 10 andere Bäume, die er mit sich riss und somit eine beträchtliche Lichtung im sonst dichten und schattenspendenen Urwalddach hinterließ. Der Riese wurde dann direkt vor Ort zersägt. Zunächst in etwa 2,5 Meter Lange Stämme und dann immer kleiner, bis letztendlich nur noch Holzbohlen von dem einstigen Riesen übrig bleiben. Ich hatte während der Baum zersägt wurde scherzhaft gesagt, dass man aus einer dünnen Scheibe eines solchen Baumes einen schönen Tisch bauen und diesen dann in Europa für viel Geld verkaufen könnte. Daraufhin sägte mir der Mann mit der Motorsäge kurzerhand eine Scheibe ab und meinte, ich solle ihm ein Foto schicken, wenn der Tisch fertig ist. Ich habe nun wirklich vor, diese Scheibe mit nach Deutschland zu nehmen, und daraus einen schönen Tisch zu bauen.

das Arbeiten mit der schweren Motorsäge ist Knochenarbeit

der Riese fällt

Ich mit meinem Tisch

Insgesamt hat mich das Fällen und Verarbeiten dieses Baumes sehr beeindruckt. Ich war zwar ein bisschen überrascht, wie viel Holz nicht verwendet wird – es wurde nur der Hauptstamm bis zur ersten Gabelung, also vielleicht ein Drittel der Höhe des Baumes genutzt – Doch hat mir Julie, die in Freiburg Fortwirtschaft studiert, erklärt, dass dies für den Wald gar nicht schlecht ist. So sei der Rest des Baumes ein Kohlenstoffspeicher und würde in wenigen Jahren seine Nähstoffe für neue Pflanzen freigeben.

Nun komme ich noch einmal auf den Aspekt des Schützens oder Zerstörens des tropischen Regenwaldes zurück. Das Holz in Calleria ist FSC zertifiziert. Es müssen strenge Auflagen erfüllt werden. So ist zum Beispiel jeder Baum kartografiert und sein Fällzeitpunkt festgelegt. Es gibt einen Bewirtschaftungsplan, der eine nachhaltige Waldbewirtschaftung ermöglicht. Das Problem ist nicht unbedingt, dass im tropischen Regenwald Bäume gefällt werden, sondern wie sie gefällt werden. In Calleria ist momentan gewährleistet, dass auch in ferner Zukunft der Wald existiert und erlaubt in gesundem Maße Holz zu entnehmen. Leider werden die meisten Bäume im Amazonasregenwald illegal gefällt. Große Unternehmen gehen mit zerstörerischen Maschinen in den Wald hinein und nehmen so viel Holz mit, wie es nur geht. Es steht der Profit, nicht die Nachhaltigkeit im Vordergrund. Wenn der Wald kein Holz mehr bietet ziehen sie einfach weiter und betreiben das ganze Spiel von Neuem. Dies geschieht hier allzu häufig ohne Genehmigung vom Staat. Beamte werden bestochen und Nationalparks und Naturschutzgebiete missachtet. Somit kann ich mittlerweile guten Gewissens sage, dass ich nicht der Zerstörung des Regenwaldes beigewohnt habe. Wenn es zwar nicht Schutz im herkömmlichen Sinne war – das ist und bleibt für mich ein Nationalpark oder Naturschutzgebiet – so ist die Art und Weise, wie in Calleria Holz gefällt wird, immerhin ein Beitrag dazu, dass es auch in Zukunft noch tropische Regenwälder geben kann.

Am Nachmittag hatte ich noch ein Gespräch mit José und Darío. Es ging um die demografischen Daten. Mir wurde ein Buch gezeigt, in dem angeblich, was aber offensichtlich nicht der Fall war, alle Einwohner Callerias registriert gewesen sein sollten. Hier fehlte aber das Alter der Personen, was das Buch für mich endgültig nutzlos machte. Ich wurde auf Morgen vertröstet. Den Abend verbrachte ich wieder schaukelnd in meiner Hängematte und hatte im Anschluss eine erholsame Nacht.


5. Tag (Dienstag, 07.09.2010)

Der heutige Tag begann mit einem weiteren Fehlschlag bezüglich meiner Suche nach den demografischen Daten Callerias. Ich ging mit dem Dorfchef Dario ins Gesundheitszentrum dort wartete (…) ich, während er in einem unsortierten Datenhaufen nach dem nächsten kramte, um mir dann mitzuteilen, dass er nichts gefunden habe. Bis auf eine Grafik, die zwar ähnliche Daten enthielt, die ich suchte, die aber bereits auf den ersten Blick ein bisschen unvollständig und schlecht strukturiert wirkte, ging ich wieder mit leeren Händen aus. Mir wurde gesagt, dass ich auf die Krankenschwester warten solle. Sie habe diese Daten, sei aber momentan in Streik. Um meinen Datenhunger zu befriedigen, ließ ich mir wenigstens von dem Leiter der Primarschule einige Zahlen zu seinen Schülern geben.

Nach dem Mittagessen fuhren Julie, Richard und ich auf die andere Seite des Calleria Flusses. Das war wirklich sehr nett von Richard. Er hat sich bis jetzt immer viel Zeit für uns genommen und hat uns viele interessante Dinge gezeigt und erklärt. Die andere Flussseite ist das Naturschutzgebiet von Callería. Dass wir hier zunächst auch auf Holzfäller trafen, hat mich ein wenig gewundert. Richard versicherte uns aber, dass alles mit rechten Dingen zugehe. Wir machten einen schönen Waldspaziergang und sahen viele Pflanzen, riesige Bäume und schöne Vögel. Als wir an einen kleinen Teich kamen, sahen wir sogar grade noch die Kaimane, die vor uns flüchtete. Leider konnte ich sie nicht mehr fotografieren. Insgesamt war dieser Spaziergangh wirklich sehr beeindruckend. Der tropische Regenwald ist wirklich ein faszinierendes Ökosystem, dass absolut schützenswert ist! Ich hoffe, dass ich in meinem Jahr in Peru und auch in der Zukunft noch viele solcher Walderlebnisse miterleben kann. Der folgende Abend verlief wie die vorherigen.

Ich vor einem Urwaldriesen

Dieser vogel heißt Camungo

ein sehr beeindruckendes Gebilde aus Baum, Lianen und anderen Schlingpflanzen

Brettwurzeln und Lianen


6. Tag (Mittwoch, 08.09.2010)

Nach einer ruhigen Nacht und einem sättigenden Frühstück ging ich heute morgen zu der Sekundarschule und ließ mir auch dort einige Zahlen über die Schüler geben. Wegen der anderen Daten habe ich heute mit José gesprochen. Er möchte jetzt das Ruder in die Hand nehmen. In ihn habe ich deutlich mehr Vertrauen, als in Dario. Ich war einigermaßen guter Dinge, dass ich meine Aufgabe hier doch noch irgendwie erledigen kann.

Am Vormittag machten wir eine sehr ausgedehnte Waldwanderung mit Richard. Er hat uns mit dem Gewehr, dass er für den Fall, dass wir einer Raubkatze begegnen, dabei hatte, geschultert an wirklich schöne Plätze geführt. Wir wollten eigentlich Affen beobachten, doch leider haben wir keine gefunden. Trauriger Höhepunkt dieser Wanderung war, dass wir mitten im Gebiet von Callería auf Straßen von illegalen Holzfällern gestoßen sind. Wir hörten sie mit ihren Kettensägen arbeiten und sahen auch eine Stelle, wo sie bereits fertig mit dem Fällen waren. Sie haben so viel verwertbares Holz einfach zurückgelassen, dass ich die nächsten 2 Stunden echt betrübt war. So etwas kann man einfach echt nicht verstehen.

Nach dem Mittagessen ging ich noch einmal mit José in das Gesundheitszentrum. Diesmal suchten wir zusammen nach den Daten, doch wurden wir wieder nicht fündig. Er meinte, dass er direkt morgen anfangen wolle, einen Zensus in ganz Callería durchzuführen. Mir erschien das ein sehr großer Aufwand. Ich hatte auch wenig Lust selbst von Haus zu Haus zu ziehen, da ich das erstens nicht als meine Aufgabe ansehe und zweitens die Sprache Shipibo nicht beherrsche. Zwar verstehen und Sprechen die meisten Comuneros auch Spanisch, doch sind solche Angelegenheiten in der Alltagssprache einfach besser zu erledigen. José schien aber sehr motiviert zu sein, was mir nur Recht sein konnte. Ich war gespannt, was kommen würde.

Am Nachmittag bin ich zuerst runter zum Fluss gegangen, um meine Klamotten zu waschen. Sie waren zwar nach der Wäsche in dem braunen Wasser nicht richtig sauber, doch war der unangenehme, langsam beißende Schweißgeruch erst einmal wieder raus. Ich habe bis jetzt einfach sehr viel geschwitzt, was bei dem Klima hier auch nicht verwunderlich ist. Im Anschluss bin wieder mit dem Einbaum-Kanu ein bisschen durch die Gegend gepaddelt, und habe versucht, im letzten Tageslicht ein paar bunte Vögel zu fotografieren. Ich habe die Ruhe auf dem Wasser sehr genossen.

der Urwaldkanal

Abends um 21 Uhr, also bereits nach meiner üblichen zu-Bett-geh-Zeit in Calleria, ging ich mit Pablo, der mir am zweiten Tag die medizinischen Pflanzen gezeigt hatte, und seinem Schwiegersohn Marcelo auf eine Nacht-Bootfahrt. Ich dachte zuerst, dass wir Kaimane beobachten wollten. Als sie mir dann aber erzählten, dass wir einen Kaiman fangen wollten, habe ich erst einmal nicht schlecht gestaunt. Tatsächlich erreichten wir nach einer kurzen Nachtwanderung, bei der wir eine riesige Tarantel entdeckten, einen kleinen See, der von Kaimanen nur so wimmelte. Man erkennt Kaimane Nachts, indem man mit einer Taschenlampe das Wasser absucht. Die Augen der Kaimane leuchten im Schein der Taschenlampe rot. Beim zweiten Versuch fingen wir mit einer Mischung aus Speer und Harpune ein etwa 1 Meter langes Exemplar. Morgen früh werden wir den Kaiman zum Frühstück essen. Darauf bin ich sehr gespannt. Wir leerten dann noch drei volle Fischernetze, sodass ich erst spät am Abend nach Hause kam. Ich badete mich noch in absoluter Dunkelheit im Fluss und viel dann todmüde ins Bett.

diese Tarantal hatte etwa die größe einer ausgestreckten Hand

unser Frühstück


7. Tag (Donnerstag, 09.09.2010)

Sonnenaufgang am andern Ufer

José fing heute Morgen tatsächlich mit dem Zensus an. Ich bin sehr gespannt, ob alles so klappt, wie ich es mir wünsche. Um 8 Uhr ging ich zum Haus von Pablo. Der gestern Nacht gefangene Kaiman war bereits gegrillt und essbereit mit Reis, Zwiebeln und einem Hafergetänk serviert. Das Fleisch schmeckte wirklich ausgezeichnet. Ich würde es als eine Mischung aus Fisch und Hühnchen bezeichnen. Gewürzt war es mit Salz und Ají, dem peruanischen Chilli.

Nach dem Essen hatte ich mit Pablo noch ein recht interessantes Gespräch über Entwicklungshilfe und die Situation in Callería. Ich habe versucht, ihm klar zu machen, dass wir „Gringos“ nicht alle Probleme lösen können. Wir können eventuell Hilfe zur Selbsthilfe geben, aber die Comunidad darf sich nicht darauf verlassen und daran gewöhnen, dass aus der ganzen Welt reiche weiße Männer kommen, und ihnen Sachen schenken. Ich habe das Gefühl, dass er mich verstanden hat.

Im Anschluss nahm ich ein Flussbad. Morgens ist das Wasser noch angenehm kühl. Im Laufe des Tages steigt die Oberflächentemperatur des Wassers so stark an, dass es Abends alles andere als eine Erfrischung ist, sich in dieser warmen Brühe zu waschen. Der positive Effekt jedoch ist, dass das Wasser nachts die aufgenommene Energie in Form von Wasserdampf wieder an die Umgebung abgibt. Morgens ist somit der ganze Regenwald feucht – als wenn es geregnet hätte – und ganz Callería ist von einem mystischen Nebel eingehüllt.

allmorgendlicher Nebel

Nach einer langen Siesta fuhr ich wieder mit dem Einbaum-Kanu auf dem Fluss herum. Diese früh abendliche Aktivität entspannte mich wirklich sehr, auch wenn ich dabei jedes mal total durchgeschwitzt wieder zurück kam.

Der Abend verlief mal wieder in gewohnter Abfolge, nur dass wir uns diesmal anstatt von Sally bekochen zu lassen an unseren Keksvorräten vergingen, weil das Essen, dass wir in Sallys Haus einlagerten und somit keinen Überblick darüber hatten, langsam knapp zu werden schien.


8.Tag (Freitag, 10.09.2010)

Heute Morgen fuhren wir mit Richard und einigen anderen aus seiner großen Familie mit dem Peque-Peque zur Bananenernte. Hier in Callería hat jede Familie eine eigene Plantage. Die von Richards Familie war wirklich sehr schön. Wir kamen vollgepackt mit Kochbananen, einigen süßen Bananen und 3 Papayas zurück in die Comunidad. Nach dem Frühstück und einem Flussbad verbrachte ich eigentlich den ganzen Tag in der Hängematte. Es war heute einfach zu heiß um irgend einer Aktivität nach zu gehen. Die Zeit in der Hängematte verbachte ich aber lesend mit dem Buch „Wir bezwangen den Amazonas“. Ich malte mir wilde Raftingtouren durch reißende Gebirgsflüsse in den Anden aus. Ich habe mir fest vorgenommen, während meiner Zeit hier in Peru wenigstens einmal in eines dieser Schlauchboote zu steigen.

Bananen

Zum Abendessen gab es heute von den geernteten Bananen, Kekse und eine leckere Wassermelone, die Julie am Vortag vom Feld mitgebracht hatte.


9. Tag (Samstag, 11.09.2010)

Der heutige Tag begann mit Bauchschmerzen. Ich führte diese auf die Bananen von gestern Abend zurück. Wahrscheinlich waren sie noch nicht ganz reif. Glücklicherweise gingen die Schmerzen schnell zurück. Ich ging heute mit Richard ein letztes Mal in den Wald. Wir mussten ein paar Fotos von den markierten Bäumen machen und ich wollte noch einmal zu der Stelle gehen, wo am Montag der Riese gefallen war. Ich vervollständigte meine Fotoreihe. Als wir zurück nach Callería kamen, war die gesamte Comunidad in Aufruhe. Heute sollte Besuch aus den USA kommen, der angeblich auf irgendeiner Homepage die Tänze von Callería gesehen hatte, und diese nun life sehen wollte, um sie eventuell touristisch zu vermarkten. Nach langer Warterei kam auch schließlich ein weißes Schnellboot den Fluss hoch gefahren. Die Fremden, unter denen sich neben Peruanern und Ecuadorianern tatsächlich auch zwei US Amerikaner befanden, wurden überschwänglich begrüßt. Der traditionelle Tanz war nicht so ganz mein Ding. Er schien von dem „Mazato“, den die Tänzer anscheinend vorher getrunken haben, sehr beeinflusst zu sein. Es handelt sich dabei um ein alkoholisches Getränk, dass aus Yucca (Maniok) hergestellt wird. Ich habe diese Getränk auch probiert. Es war sehr stark, doch süß und durchaus lecker. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es bei der Herstellung gekaut werden muss, um mit dem Speichel irgendwelche Prozesse in Gang zu bringen. Insgesamt fand ich den Empfang für die Gäste ein wenig übertrieben. Es schien alles nur darauf abzuzielen, am Ende möglichst viel Kunsthandwerk zu verkaufen. Die typischen Tänze und Klamotten finde ich persönlich auch nicht mehr typisch, weil sie nur noch zu solchen Anlässen praktiziert und getragen werden. Nach einem Gespräch mit den Gästen fanden Julie und ich auch heraus, dass sie nicht etwa wegen den Tänzen nach Callería gekommen waren, sondern um im Auftrag von „The Nature Conservaty“ (TNC) die forstwirtschaftlich genutzte Fläche von Callería zu besichtigen. Insgesamt war für mich diese Veranstaltung ein Reinfall, wo mal die Gäste bereits nach 3 Stunden wieder davon fuhren. José gab seine Unzufriedenheit mit diesem Tag mir gegenüber auch zu.

(typischer) Tanz

Heute Abend nahm ich das erste Mal an einem Volleyball Match teil. Ich spielte erst nicht so gut, doch als ich einmal einen platzierten Schmetterball hinbekommen habe, schien ich ganz Callería auf meiner Seite zu haben und alle Bälle wurden auf mich gespielt. Das war sehr schön, auch wenn wir das Spiel verloren haben.

Heute Abend merkte ich, dass mit meinem Magen nicht alles in Ordnung war. Ich ging also ohne etwas zu Essen schlafen und verbrachte eine fast schlaflose Nacht.


10. Tag (Sonntag, 12.09.2010)

Heute Morgen war ich total gerädert. Ich hatte eine unschöne Nacht hinter mir und war total schlapp. Ich habe zwar ein wenig gefrühstückt, doch mein Magen war echt nicht in Ordnung, Ich verbrachte also den ganzen Tag in meiner Hängematte. Zu meiner Freude kam etwa um 11 Uhr José zu unserer Hütte und hatte alle gewünschten Daten von der gesamten Bevölkerung Callerías vollständig. Das hat mich wirklich sehr gefreut. Ich habe José in den letzten Tagen wirklich schätzen gelernt und habe ihm das auch mitgeteilt. Wir haben uns noch ein wenig unterhalten und er hat mir seine wirklich sehr bewegende Geschichte erzählt.

Im Anschluss habe ich mein Buch zu Ende gelesen und mich ein bisschen wehmütig gedanklich auf die morgige Abfahrt vorbereitet. Meine Zeit in Callería war wirklich sehr schön. Ich habe viel für meine Arbeit bei AIDER gelernt und konnte an dem Leben hier in der Comunidad teilnehmen. Die Comuneros haben uns gegen Ende unseres Aufenthaltes anscheinend auch ins Herz geschlossen. Für mich steht fest, dass ich wieder hier her kommen werde.


11. Tag (Montag, 13.09.2010)

Heute morgen klingelte der Wecker sehr früh. Wir mussten noch alle unsere Sachen packen. Unsere Pünktlichkeit stellte sich als unnötig heraus, als wir mal wieder vor unserer Hütte Wartend auf unseren Rucksäcken saßen. Als es endlich los ging, gab Richard uns einen Teller mit frischen Bananenchips, die für das Warten mehr als entschuldigten. Sie waren echt lecker. Obwohl ich in Deutschland keine Bananen mag, sind sie hier auf dem besten Weg, eines meiner Lieblingsessen zu werden.

Unser Boot war hoffnungslos überladen. Wir mussten ständig das über den Rand hereinlaufende Wasser ausschöpfen. Die Comuneros schien dieser Umstand jedoch nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie waren auch sehr gelassen – ich ehrlich gesagt diesmal auch – als wir wieder im Flussgrund steckenblieben und das Boot verlassen mussten.

Der halbstündige Marsch über den Flussstrand des Ucayali war diesmal noch schweißtreibender als auf dem Hinweg, weil die Sonne fast senkrecht vom Himmel brannte. Wir fuhren wieder mit einer dieser Klapperkisten die 1,5 Stunden über die staubige und schlaglochreiche Piste nach Pucallpa. Dass der Motor des Autos zweimal ausfiel und wir mitten auf der Straße stehenblieben, nahm ich gar nicht mehr richtig zur Kenntnis. In Pucallpa angekommen hatte uns die Zivilisation, der Lärm und die schmutzige Luft sofort wieder im Griff. Ich freue mich auf die nächste Reise in eine Comunidad.


Hasta la proxima vez Callería!