Reisen ist in Peru wie eine Bildungsfahrt. Man gewinnt so viele neue Eindrück und Erfahrungen, dass man trotz lange Schlafen und viel Freizeit Neues lernt. Meine Reise ging zunächst von Pucallpa nach Tarapoto. Alleine die Fahrt war schon ein Abenteuer. Die unasphaltierte Straße führte durch teilweise noch sehr ursprünglichen Regenwald. Mehrere Flüsse mussten mit improvisierten Fären überquert werden, da die veralteten Hängebrücken das Gewicht eines Reisebusses wohl nicht mehr ausgehalten hätten. An einer besonders engen Straßenstelle am Abhang war dann erst einmal Schluss. Vor uns war ein Berghang herunter gekommen und einige Arbeiter versuchten mit Hilfe von Dynamit die Stelle wieder sicher zu machen. Sehr aufregend und vor allem in der Regenzeit kein seltenes Phänomen. Nach mehreren Stunden ohne Klimaanlage durch die feuchtheiße Tropenlandschaft kam ich dann endlich in Tarapoto, Perus drittgrößter Urwaldmetropole, an. Hier verweilte ich eine Nacht. Ich gönnte mir ein Einzelzimmer mit Fernseher und Privatbad, um meine kurz zuvor eingafangene Mittelohrentzündung auszukurieren.
Am nächsten Morgen ging aus früh los. Ich hatte mich für eine Rafting Tour eingeschrieben und zusammen mit zwei jungen Peruanern und einem Guide ging es gegen 9 Uhr los. Unser Kurs führte etwa eineinhalb Stunden über den Rio Mayo. Das Rafting war zwar ganz nett, allerdings kein wirkliches Abenteuer. Ich hatte mir mehr erwartet und hoffe, dass ich auf anderen Flüssen noch mein Raftingabenteuer finden kann.
Gegen Mittag ging es dann mit einem Minivan nach Moyobamba. Die Hauptstadt des Departamento San Martin sollte wenige Tage später Austragungsort für ein unvergessliches Weihnachtsfest mit 11 DED-Freiwilligen werden. Zunächst aber rief wieder das Abenteuer. Ich fuhr mit Bettina nach Chachapoyas. In der Hauptstadt des Departamento Amazonas wollten wir uns die Ausgrabunsstätte „Kuélap“ und den Wasserfall „Gocta“ anschauen. Am Abend des 21.12. kamen wir in Chachapoyas an. Die sehr abgelegene Stadt liegt auf 2300 Metern Höhe in der Selva Alta – dem Hochregenwald. Die Temperaturen sind deutlich kühler als im warmen Moyobamba und wir wurden von einem unangenehmen Regen erwartet. Dafür konnte aber die unglaublich schöne Plaza entschuldigen, die in kolonialem Stil alle bisher in Peru gesehenen Plazas in den Schatten stellte.
Am Abend trafen wir spontan Philip, einen weiteren Weltwärtsler, der sich ebenfalls auf der Reise zum großen Weihnachtsfest in Moyobamba befand. Wir tauschten bei einem Bier Infos und Erfahrungen aus, gingen dann aber schnell schlafen, weil am nächsten Tag Kuélap auf uns wartete. Müde von dem langen Tag fielen wir in die steinharten Betten unseres spartanisch eingerichteten Hostalzimmers, um wenig später gewzungener Maßen wieder aufstehen zu müssen. Warum möchte ich gerne erläutern. Ich hatte mit Bettina noch ein wenig gequatscht, bis zunächst sie einschlief. Ich war auch im Begriff mich ins Reich der Träume zu begeben, als ich ein leises Rascheln von Papier hörte. Papier – moment, da war doch was. Eines der kleinen Fenster neben unserer Tür war zerbrochen und nur mit einem Stück Zeitung abgeklebt. Das Fenster neben der Tür, dort, wo sich auch die Steckdose befand, in der mein Handy steckte. Handy. Oh nein. Ich sprang auf und musste leider feststellen, dass an dem anderen Ende des Aufladekabels kein Handy mehr hing. Das kann doch nicht wahr sein. Schon wieder ein Handy weg. Ich war mit den Nerven völlig am Ende, war es doch nach dem Rucksackklau schon das Zweite innerhalb von einem Monat. Ich meldete den Diebstahl der Rezeption, die hilfsbereit sofort das Hostal verschlossen und sich mit mir auf die Suche machten. Gegenüber von unserem Zimmer waren 3 junge Männer untergebracht, die wenige Minuten zuvor das Hostal betreten hatten und die einzigen noch wachen Gäste waren. Der Fall schien klar, doch er stellte sich sehr schwierig heraus. Natürlich wollten die 3 besoffenen Typen nichts mit dem Diebstahl zu tun haben. Wir könnten sie und ihr Zimmer ja durchsuchen. Nach ewigen Gesprächen – Gott Gott bla bla bla – wollte ich schon aufgeben, als plötzlich ein Mann erschien, der sich als Verantwortlicher für die drei Gestalten ausgab. Lange Rede kurzer Sinn, nach wenigen Minuten hatte ich mein Handy wieder und die drei Typen wurden aus dem Hostal geschmissen. Ich hätte nicht wenig Lust gehabt, dem „Anführer“ der drei richtig eine auf die Fr**** zu hauen, doch letzten Endes siegten meine Vernunft und die Müdigkeit. Endlich konnten wir schlafen.
Kuélap war eine Festung der Chachapoyas Krieger. Die heute auf knapp 3000 Metern gelegene Ausgrabungsstätte ist touristisch noch kaum erschlossen. Wir waren an diesem Tag zusammen mit etwa 25 anderen Menschen die einzigen Besucher. Die Zeit scheint in Kuélap still zu stehen. Wir waren live dabei, wie menschliche Knochen ausgegraben wurden und die Einsamkeit und Abgelegenheit verleihen dem Ort eine geheimnisvolle Mystik, die ich so zuvor noch nie erlebt habe. Die meisten der Ruinen sind noch nicht erforscht und von wilder Vegetation überwuchert. Bettina und ich waren verzaubert von diesem Ort. Die lange und strapaziöse Anreise hatte sich auf jeden Fall gelohnt. Die Bilder, die ich leider nicht fotografisch festhalten konnte (wie ihr wisst musste ich diese Reise ohne Kamera bestreiten – Bettina hat aber ein paar Fotos geschossen), werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Nach dem Besuch dieses einzigartigen Ortes kommt natürlich der Vergleich mit Machu Picchu auf. Ob Kuélap nun „besser“ ist als Machu Picchu kann ich jedoch auch nach dem Besuch nicht beantworten. Ich kann auf jeden fall sagen, dass es sehr anders ist. Definitiv ist es ursprünglicher und persönlicher. Man muss sich den Ort nicht mit Tausenden Touristen teilen, sondern hat das Gefühl, dass man wirklich etwas Eigenes entdeckt. Unser Guide sagte uns, dass die Wissenschaftler über die Funktionen vieler Gebäude noch völlig im Dunkeln tappen. Man könne sich eigene Theorien entwicklen und Hypothesen bilden.
Total „geflasht“ von Kuélap ging es am gleichen Tag noch richtung Gocta Wasserfall. Wir fuhren mit einem Colectivo zur Abzweigung zum Dorf Cocachimba. Dort angekommen war es bereits Dunkel, doch vor uns lagen noch etwa 4 Kilometer Fußweg. Es folgte die wohl schönste Nachtwanderung meines Lebens. Der Mond und viele Glühwürmchen erhellten uns den Weg und im Hintergrund war das beruhigende Rauschen des Flusses zu hören. Wir suchten uns ein Plätzchen zwischen hohen Büschen, um dort unser Zelt aufzuschlagen. Doch „Schscht...hörst du das Alessandro? - Nein...da ist doch nichts – Doch! - Ahhhh...jetzt hör ich es auch, lass uns schnell weg hier! - Ok. Ich habe echt Angst!“ Was das nun war, wissen wir bis heute nicht, doch da war definitiv etwas. Wir entschieden uns weiter bis ins Dorf zu gehen. Dort gab es ein Hotel, das noch Zimmer frei hatte. In unserem schmalen Weltwärts-Geldbeutel hätte es aber ein spürbares Loch hinterlassen. So fragten wir herum und kamen letzten Endes bei einer Bauernfamilie unter. Das winzige Schlafzimmer war mit zwei Betten ausgestattet. Auf dem einen schliefen der Bauer, seine Frau und sein Sohn. Das andere machten sie für Bettina und mich frei. Ich war von der Gastfreundaschaft gerührt. Die Frau entschuldigt sich ständig für die einfachen Verhätnisse. Wir hatten ein schlechtes Gewissen. Das war wohl auch der Grund dafür, dass ich in der Nacht kaum ein Auge zu tat.
Am Morgen ging es um 5:30 los. Bettina und ich wanderten etwa 2 Stunden auf teilweise sehr steilen Pfaden, bis wir an tropischen Wäldern vorbei den Gocta Wasserfall erreichten. Dieses 771 Meter hohe Wunder der Natur konnte alle meine Erwartungen befriedigen. Der dritthöchste Wasserfall der Erde war ein unvergessliches Erlebnis. Schade, dass hier kein Foto von ihm zu sehen sein wird.
Auf dem Rückweg konnten wir den Andenklippenvogel, den Nationalvogel Perus, beobachten. Ein weiteres Element, das diese Reise einzigartig machte. Völlig erschöpft kamen wir in Cocachimba an. Wir hinterließen dem Bauern und seiner Frau noch ein paar Soles, und machten uns auf den Rückweg nach Moyobamba, wo wir dann am Abend auf die anderen Freiwilligen trafen. Unsere Gruppe war komplett, elf deutsche Weltwärtsler, die ein ganz besonderes Weihnachtsfest vor sich hatten. Der Abend fand einen angemessenen Ausklang in den Thermalquellen von Moyobamba.
Am nächsten Morgen stand ich ausgeschlafen auf. Ein ganz normaler Morgen mit dem Unterschied, dass heute Weihnachten war. Komisch. Hätte es mir keiner gesagt, dann wäre es mir gar nicht aufgefallen. Die Riesengruppe machte sich auf zu einem (kleinen) Wasserfall. Das war also unser Weihnachten. Bei 30 Grad an einem kühlen Fluss und mit erfrischenden Mangos zum Mittagessen. Ist das das Paradies oder doch nur Peru? Ich genoss meine Freiheit, stürzte mich mehrere Male über die Felsen in das kühle Nass und realisierte mein Glück. Das war einfach nur super.
Zufrieden fuhren wir zurück nach Moyobamba. Es sollte heute ein ganz besonderes Essen geben. Jeder kochte eine Kleinigkeit, sodass wir ein riesiges, ausschließlich vegetarisches (!!!) und superleckeres Menü hatten. Es gab einen Nudelauflauf, Causa Rellena, verschiedene Bananenvariationen, Brotburger, Russische Eier, griechischen Salat, Käse Fondue und einen riesigen Fruchtsalat. Nach dem ausgiebigen Essen machte uns Max noch den Weihnachtsmann. Ich bekam eine Diätbox, dessen Inhalt ein kleiner Salzkeks war. Vielen dank Max, leider habe ich meinen Diätplan in Moyobamba vergessen, weshalb ich wohl immer weiter zunehmen werde:-) Den weiteren Verlauf des Abends verbrachten wir in einer Disko. Anders als gewohnt, aber nicht unbedingt schlecht. Insgesamt hatten wir, Anne, Theresa, Jannes, Jakob, Philip, Max, Laszlo, Nora Amelie, Bettina und ich ein unvergessliches Weihnachtsfest.
Den 25. und 26. ließen wir ruhig angehen. Das war wohl die Ruhe vor dem Sturm, denn uns erwartete Sylvester in Mancora, DEM Strandort von Peru. Am Abend des 26. ging es los. Wir machten Zwischenstopps in Chiclayo und Piura, wo wir jeweils andere Freiwillige trafen, die Städte kennenlernten und bereits erste Erfahrungen mit der aggresiven Sonne der peruanischen Nordküste machten. Am 29.12. kamen wir dann in Mancora an. Der Ort an sich ist nicht schön und auch der Strand würde keinen Preis gewinnen, doch das Meer ist sehr erfrischend und es gibt hohe Wellen. Wir hatten ein super Hostal und genossen unsere Zeit. Der Höhepunkt war natürlich die Sylvesternacht. Der Ort platzte aus allen Nähten. Der Strand war mit Zelten gepflastert, auf der Straße war kein Durchkommen mehr und aber 21 Uhr stürzte das komplette Handynetz ein. Mitternacht mit den Füßen im Wasser und zusammen mit Tausenden anderen Menschen am Strand mit Feuerwerk, wie man es aus Deutschland gewohnt ist, war auch eine super Erfahrung. Es wurde noch eine lange Nacht, die erst um 8 Uhr morgens im Bett des Hostals endete. Insgesamt ein ebenfalls sehr gelungenes Sylvester.
Am nächsten Morgen war die Stimmung merklich gedämpfter. Heute war der Tag der Aufspaltung der Gruppe. Einen Teil zog es zurück nach Chachapoyas, mich und einen anderen Teil in den Norden nach Ecuador. Müde und ausgelaugt ging es zunächst nach Tumbes. Hier wollten wir uns ein wenig ausschlafen und Soso, eine Mitabiturientin von mir, treffen. Das Treffen viel dann relativ kurz aus, weil wir einfach zu müde waren. Am nächsten Tag ging es dann schnell weiter. Wir überquerten die Grenze, fuhren nach Machala und stiegen dort in eine Bus nach Cuenca. Ich kaufte mir in Machala Rei mit Hähnchen, was dann 2 Stunden später während der Busfahrt aus allen möglichen Körperöffnungen wieder aus mir heraus wollte. Schön, das sind immer die Erlebnisse, die eine Busfahrt, wo man sowieso schon keinen Sitzplatz mehr erwischt hat, erst richtig unvergesslich machen.
Cuanca ist eine wunderschöne Stadt. Hier gibt es unwahrscheinlich viele Kirchen und Museen. Es tat gut hier zwei Tage zu verweilen, den restlichen Reis mit dem Hühnchen aus meinem Körper zu entlassen und nach den letzten doch recht partyintensiven Tagen wieder ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen.
So schön Cuenca auch war, mich zog es nach Quito. Einerseits bin ich generell ein Hauptstadt-Fan, andererseits wartete dort Merle, ebenfalls Mitabiturientin und gute Freundin, auf mich. Sie ist ebenfalls Weltwärtslerin, jedoch von einer anderen Organisation. Ich war gespannt auf ihre Erfahrungen und freute mich, sie nach 5 Monaten wieder zu sehen. Glücklicherweise kam ich bei ihr umsonst unter. Wir hatten wirklich sehr nette Tage. Ich begleitete sie bei ihrer Arbeit und schaute mir Quito an. Wir konnten gute Gespräche führen und Trafen weitere Freunde, Mathi und Julian, aus Hamburg.
Zu Quito ist zu sagen, dass es auf Grund seiner geografischen Lage riesig erscheint. Zwar ist es von der Einwohnerzahl her mit Hamburg zu vergleichen, doch erstreckt es sich über eine Länge von 50 Kilometern. Die Stadt hat ein altes und ein neues Zentrum. Das neue Zentrum ist westlich geprägt. Hier kann man gut und relativ sicher auch nachts ausgehen. Die Altstadt ist ähnlich wie Cuenca wunderschön.
Am Ende war ich 25 Tage unterwegs. Die Zeit verfliegt, und so habe ich schon fast die Hälfte meines Weltwärtsjahres hinter mich gebracht.
Nach dreitägiger Rückreise kam ich gut wieder in Pucallpa an. Ich freue mich schon auf die nächste Reise, dann hoffentlich wieder mit Kamera.
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