Ist das das Paradies oder doch nur Peru?

Hallo liebe Leser. Vielen Dank für euer Interesse an, und eure Kommentare zu meinem Blog! Ich grüße euch aus Pucallpa!

Dienstag, 25. Januar 2011

Das Shiringa Projekt in Sinchi Roca und Puerto Nuevo

Hinter der Shiringa (Hevea brasiliensis) verbirgt sich keine geringere Pflanze als der Kautschukbaum. Er hatte am Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in Brasilien, aber auch hier in Peru (ohne ihn wäre die Stadt Iquitos in ihren heutigen Ausmaßen undenkbar) einen nie wieder erlebten Kautschukboom ausgelöst. Mit der Entdeckung der Möglichkeit, Kautschuk synthetisch herzustellen und mit der erfolgreichen Plantagenzucht in Südostasien, ebbte die Kautschukproduktion in Südamerika und somit die Bedeutung der Shiringa stark ab. Heute ist der Weltmarktpreis für Naturkautschuk wieder so weit angestiegen, dass eine wirtschaftliche Nutzung der Shringa vor allem für die arme Landbevölkerung auch hier in Südamerika wieder interessant wird.

Mein AIDER Mitarbeiter Alejandro hat sich diesem Thema gewidmet und iniziiert momentan ein Shiringa Projekt in zwei indigenen Gemeinden und mehreren ländlichen Ansiedlungen am Rio San Alejandro, etwa 120 Kilometer von Pucallpa entfernt. Ich durfte Alejandro für 5 Tage in das Gebiet des Projektes begleiten. Der Fluss ist übrigens nicht nach ihm benannt.



Am Donnerstag Morgen ging es um 4 Uhr los. Wir fuhren zunächst mit dem Auto nach San Alejandro und stiegen dort auf ein PekePeke um, das Alejandro schon einen Tag vorher für die Abfahrt vorbereitet hatte. Ich sollte die nächsten Tage neben Alejandro auch mit Joel, einem peruanischen AIDER Praktikanten und Rember, einem Shiringa Spezialisten aus dem unteren Ucayali, verbringen. Gegen Mittag kamen wir in Sinchi Roca, eine Gemeinde der Cacataibo Cashibo Indianer, an. Schnell merkte ich, dass Alejandro die Reise sehr gut organisiert hatte (huch...das ist ja ganz AIDER untypisch). Auf einem Gasherd wurde uns von einer Dorfbewohnerin ein leckeres Nudelgericht gezaubert. Wir schlugen unser Nachtlager auf und ließen den ersten Tag ruhig angehen. Am Nachmittag öffnete dann der Himmel seine Pforten. Die Regenzeit ist mittlerweile wirklich angekommen. Es regnete die folgende Nacht und fast den kompletten Freitag durch. Der Fluss stieg in dieser Zeit um 3 Meter an. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen und war schwer beeindruckt. Innerhalb von nur einem Tag verschwand eine riesige Insel und der anfangs noch klare Fluss verwandelte sich in eine braune reißende Flut. Mal wieder bestätigt sich, dass Wasser eine zerstörerische Naturhewalt ist, vor der man unbedingt Respekt bewahren muss.



Notgedrungen verbrachten wir so den Freitag in unserer trockenen Schlafhütte in der Gemeinde. Mir war das auch ganz recht, denn ich hatte mir noch in Pucallpa meine erste Erkältung in Peru, wahrscheinlich, weil ich meinen neuen Ventilator unbedingt auf Stufe 3 die ganze Nacht testen musste, eingefangen.

Am Samstag ging dann die geplante Arbeit los. Unser Team fuhr mit Steuermann, dessen Frau und einem alten Dorfbewohner in einen Nebenfluss, um dort GPS Daten zu den Standorten der Kautschukbäume zu sammeln. Der Wald war hier noch wunderschön. Zwei wilde Otter kreuzten unseren Weg und bunter Vögel entflohen unserem knatternden Peke Motor. Der Tag bleibt mir als schönes Urwaldabenteuer, glücklicherweise mit nur wenig Regen, in Erinnerung.




Am Sonntag führten wir eine Informationsveranstaltung für die Dorfbewohner durch. Als "Köder" hatten wir reichlich Kekse und Getränke mitgebracht, sodass das Gemeindezentrum brechend voll war. Anschließend bestiegen wir unser Boot und fuhren weiter flussaufwärts nach Puerto Nuevo, eine weitere Gemeinde, die an dem Projekt teilnehmen wird. Hier hatten wir nur sehr wenig Zeit. Nach einigen Gesprächen mit den Dorfbewohnern und nur einer Nacht ging es am Montag morgen schon wieder zurück richtung Pucallpa.





Mir haben die Tage am Rio San Alejandro sehr gut gefallen. Auch wenn ich auch hier eher ein nebenstehender Beobachter, als wirklicher Mitarbeiter war, kann ich mir vorstellen, auch die nächste Reise, um den 15. Februar, zu begleiten.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Erster Zwischenbericht

1. Ankunft im Land

Am 08.08.2010 begann für mich mein weltwärts-Jahr in Peru. Wir kamen mit einer 18 köpfigen Freiwilligengruppe Abends am Flughafen von Lima an, wo wir bereits von unseren Koordinatoren Mechthild und Olaf erwartet wurden. Mit einem kleinen Bus fuhren wir ohne Komplikationen in ein Hostel im Stadtteil Miraflores, das für die nächsten Tage Austragungsort unseres Einführungsseminars sein sollte.

1.1 Einführungsseminar im Gastland

Nachdem wir auf unserem Vorbereitungsseminar in Deutschland vom ASA-Team ausführlich auf einen welwärts-Einsatz im Allgemeinen vorbereitet wurden, erhoffte ich mir vom Einführungsseminar einige landesspezifischen Informationen über Peru und ins Besondere über mein Projekt.

Ich konnte meinen Horizont über die Kultur und die Menschen Perus in den 5 Tagen erweitern. Neben den Themen „Rassismus in Peru“ und „Verhaltensregeln am Einsatzplatz“ war dabei die alternative Stadtrundfahrt mit Alois Kenenrknecht mein persönliches Highlight. Ich konnte für mich dabei persönlich deutlich mehr mitnehmen als ich es in Workshops und Vorträgen getan hätte. Eine spezifische Vorbereitung für mein Projekt musste ich leider auch bei dem Einführungsseminar vermissen. Zu der Organisation ist zu bemerken, dass sie den Umständen, Müdigkeit auf der einen- Vorfreude und Neugierde auf das Land auf der anderen Seite, angemessen war. Es gab einen groben Leitfaden für die 5 Seminartage, doch dieser wurde flexibel gehandhabt. Der Ort, ein gemütliches Hostel mit Wireless-Internet, war ideal für ein solches Seminar.

1.2 Ankunft auf dem Einsatzplatz, Aufnahme, Einarbeitung

Am Abend des 13.08.2010 kam ich am Flughafen von Pucallpa an. Dort wurde ich von meinem Gastvater Jorge, dem Regionalleiter von AIDER, Pio, dem DED Entwicklungshelfer Manuel und Claudi, einer weltwärts Freiwilligen, die kurz vor dem Abschluss ihres Jahres stand, empfangen. Man brachte mich zu meiner Gastfamilie. Die Aufnahme war herzlich, doch mir wurde schnell klar, dass ich hier nicht sehr lange wohnen würde. Ich wollte erstens nicht in einer Gastfamilie leben und zweitens störte mich, dass mein Gastvater von mir mehr Miete als von meinen Vorgängern verlangen wollte.

Am folgenden Montag bestritt ich meinen ersten Arbeitstag bei AIDER. Ich ging mit Julie, einer luxemburgischen Kurzfreiwilligen, zum Büro, wo ich auf Manuel traf. Er teilte mir mit, dass der Chef, Pio, diese Woche nicht da sein würde und dass mich deswegen Edinson, ein anderer Mitarbeiter, in die Arbeit einführen sollte. Der wusste davon jedoch nichts und so verbrachte ich den ersten Tag und die darauffolgenden mit persönlichn Erledigungen im Internet. Mit der Zeit lernte ich meine restlichen Mitarbeiter kennen, mit denen ich mich übrigens sehr gut verstehe, doch eine richtige Einführung in meine Arbeit bei AIDER konnte ich bis jetzt nicht genießen. Eine Richtige Arbeit bei AIDER gibt es für mich nicht,

2. Aktivitäten am Einsatzplatz

Meine Aktivitäten im Büro beschränken sich dementsprechend hauptsächlich auf persönliche Erledigungen im Internet. Zwar konnte ich im ersten Monat einige Male bei Manuels Projekt, der Baustelle eines Lager- und Verarbeitungszentrums für zertifizierte Tropenhölzer, mithelfen, doch seit dem die Finanzierungsquellen hierfür bereits Ende September erschöpft waren, gibt es dort momentan auch nichts für mich zu tun. Ich weiß, dass meine Unterbeschäftigung im Büro zu einem Teil auch selbst verschuldet ist. Ich hätte wohl von Anfang an noch intensiver eigene Aufgaben suchen sollen. Doch ich habe auch nicht erwartet, dass sich in keinster Weise im Vorhinein Gedanken über eine Mögliche Arbeit für mich gemacht wurden. Um der oft frustrierenden „Internet-Surferei“ im Büro zu entfliehen – immerhin sitze ich an schlechten Tagen von 8-13 Uhr und von 15-18Uhr durchgehend am Computer – versuche ich so häufig wie möglich in die indigenen Gemeinden, wo AIDER sein Holz-Zertifizierungsprojekt realisiert, zu kommen. Zwar gibt es auch dort keine richtige Arbeit für mich, doch ich kann an einigen Aktivitäten der AIDER Techniker und an dem täglichen Leben der Bewohner teilnehmen. Ich möchte an diesem Punkt betonen, dass jede meiner 4 Reisen in eine indigene Gemeinde auf meine Eigeninitiative zurückzuführen ist, und dass ich alle anstehenden Ausgaben (Anfahrt, Treibstoff, Verplegung) aus eigener Tasche bezahlt habe. Ußerdem ist noch zu erwähnen, dass ich einige Zeit zusammen mit meiner Mitfreiwilligen, Melanie, zusammen an einem Müllmanagement Projekt in den indigenen Gemeinden gearbeitet habe. In dieser Zeit hatte ich zwar die Arbeit, die ich mir gewünscht hatte und momentan immer noch wünsche, doch ich habe mich aus verschieden Gründen gegen dieses Projekt entschieden. Erstens gefiel mir die Einstellung von AIDER nicht. Man verfolgte meiner Meinung nach nur ein politisches Interesse, wollte nur, dass in sieben Gemeinden ein System, egal ob es funktioniert oder nicht, vorhanden ist und ließ so wichtige Aspekte unbeachtet. Zweitens waren die Herangehens- und Arbeitsweisen von mir und Melanie grundverschieden, was für mich zwangsläufig zu Konflikten geführt hätte und drittens muss ich im Nachhinein erkennen, dass ich hinter einem Projekt dieser Art nicht mit voller Überzeugung stehen kann. Momentan habe ich also keine Aktivitäten am Einsatzplatz, was mich persönlich sehr demotiviert hat. Ich muss im nächsten Jahr etwas ändern.

2.1 Unterstützung durch Mentor/in / Landesbüro

Meine Koordinatorin Mechthild gibt mir das Gefühl, dass sie in schwierigen Situationen und Notfällen für mich da ist. Als meine Mitbewohner und ich bezüglich der Höhe unserer Miete einen Konflikt hatten, konnte sie uns helfen. Als ich sie über meine Probleme auf der Arbeit in einem Einzelgespräch informierte, konnte sie mir zwar Mut machen, doch die Probleme sind bis jetzt immer noch vorhanden. Insgesamt möchte ich aber ihre und die Unterstützung des Landesbüros nur so wenig wie nötig in Anspruch nehmen. Meiner Meinung nach gehört es zu einem weltwärts-Jahr dazu, dass man Probleme lernt zu lösen und sich allen Schwierigkeiten stellt um so viel wie möglich von der Arbeit und dem Leben in der Kultur des Partnerlandes für sich persönlich mitzunehmen.

2.2 Perspektiven

Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, mir mit neuem Mut und neuer Motivation eine längerfristige Aufgabe zu suchen. Ich konnte bereits durch Gespräche mit anderen Freiwilligen und mit Manuel meine Probleme reflektieren und muss feststellen, dass ich zu großen Teilen auch selbst dafür verantwortlich bin, dass ich mein weltwärts-Jahr auf der Arbeitsebene bis jetzt noch nicht als Erfolg bezeichnen kann. Ich werde nächstes Jahr zunächst versuchen, in einem AIDER-Arbeitsfeld eine feste Position zu finden. Momentan macht mir ein Projekt, dass sich der Produktion von Naturkautschuk in indigenen Gemeinden widmet, Hoffnung. Falls ich dort jedoch keine Arbeit finden sollte, werde ich ein eigenes Projekt realisieren. Glücklicherweise ist AIDER dem gegenüber sehr offen, sodass mir eigentlich alle Möglichkeiten gegeben sind, mich und ein Projekt selbst zu verwirklichen.

3. Leben im Partnerland: Unterkunft, Verpflegung, Kontakte u.a.

Meinen ersten Monat in Pucallpa lebte ich in einer Gastfamilie. Mein Start dort verlief leider etwas unharmonisch. Mein Gastvater wollte von mir statt vereinbarten 320 Soles 350 Soles Miete verlangen. Zwar ließ er sich auf 320 Soles ein, doch zeigte mir dieser Umstand, dass nicht ich, sondern mein Geld bei dieser Familie willkommen war. Die Tatsache, dass ich von Anfang an lieber in einer Wohngemeinschaft mit Freiwilligen leben wollte, machte mir die Entscheidung leicht, nach einem Monat auszuziehen. Ich lebe nun zusammen mit 3 anderen DED-Weltwärtslern bei eine Peruanerin, Techy, die für jeden von uns ein Zimmer mit Bad zur Verfügung stellt. Wir können ihre Hasuhaltsgeräte, die Küche und den Garten mit benutzen. Ich fühle mich momentan sehr wohl dort. Zwar hatten wir in letzter Zeit auch einige Probleme mit Techy, was sich jedoch hauptsächlich auf unser teilweise unangebrachtes Verhalten bezieht. In einem Krisengespräch haben wir einen langen Regelkatalog bekommen, den wir nun einhalten und merken, dass wir so viel besser miteinander auskommen. Momentan verbessert sich die Stimmung wieder und ich bin zuversichtlich, dass ich auch die nächsten 6 Monate dort leben bleibe.

Neben meiner Arbeit habe ich für Freizeitaktivitäten hauptsächlich am Wochenende Zeit. Ich gehe oft mit meinen Mitbewohnern in Diskotheken und wir machen ab und zu Ausflüge in die nähere Umgebung Pucallpas. Dabei ist oft Alex, der brasilianische Ehemann einer deutschen DED-Entwicklungshelferin, unser Begleiter. Ich würde ihn hier als meinen besten Freund bezeichnen. Neben ihm habe ich einige Kontakte mit Peruanern. Leider haben sich noch keine wirklichen Freundschaften entwickelt. So etwas braucht Zeit. Mit meinen Arbeitskollegen komme ich gut zurecht, doch privat unternehme ich in der Regel nichts mit ihnen. Ich wünsche mir für das neue Jahr, dass ich neue Leute kennenlerne, mit denen ich meine Freizeit verbringen kann.

4. Erkennbare Probleme, Lösungsvorschläge

Insgesamt sehe ich bei weltwärts mit dem DED ein großes Problem. Dieses bezieht sich nicht auf das private Leben, sondern auf die Arbeit im Partnerland. Ich habe das Gefühl, dass sich mein Projekt wenig oder gar nicht auf die einjährige Zusammenarbeit mit einem Freiwilligen vorbereitet hat. Zwar bringe ich im Gegensatz zu einem Entwicklungshelfer wenig Qualifikationen mit, doch ich denke, dass das deutsche Abitur bereits die Grundlage für einige Arbeiten bilden kann. Dementsprechend könnte ich im Büro von AIDER sicherlich einige Aufgaben übernehmen, doch bis jetzt war dies leider nicht der Fall. Beim Gespräch mit anderen DED Freiwilligen musste ich feststellen, dass mein Problem kein Einzelfall ist. Viele Freiwillige sind auf ihrer Arbeit stark unterbeschäftigt, verlieren so ihre Motivation, täglich nach Aufgaben zu fragen, und fallen so unter Umständen, wie es mir glaube ich passiert ist, in ein tiefes Loch aus Selbstmitleid und Unmotiviertheit. Mein Lösungsvorschlag für dieses Problem ist, dass die Projekte intensiver auf die Zusammenarbeit mit einem Freiwilligen vorbereitet werden sollten. Dabei könnte auf einer Seite helfen, bereits vor dem welwärts-Jahr über E-Mail einen Kontakt zwischen dem Projekt und dem Freiwilligen herzustellen, um bereits vor der Ankunft im Gastland über mögliche Aufgaben zu kommunizieren. Auf der anderen Seite kommt an diesem Punkt die Frage nach der Menge der Freiwilligen auf. Können zwei Koordinatoren für 46 Freiwillige gute Projekte finden?

Von kleineren welwärts-Organisationen habe ich gehört, dass die Zusammenarbeit zwischen Entsendeorganisation und Projekt viel intensiver ist und somit auch Aufagebn für den Freiwilligen vorhanden sind. Mein Lösungsvorschlag für das Problem ist also, dass die Partnerorganisationen durch intensivere Zusammenarbeit mit der Entsenderorganisation in Zukunft besser auf die Freiwilligen vorbereitet werden. Dabei sollte man übelegen, vielleicht weniger Freiwillige zu entsenden, um jedem die Möglichkeit zu geben, eine wirkliche Arbeit zu bekommen.

5. Bisherige Lernerfahrungen, Besonderheiten

Ich konnte bisher viel über die peruanische Kultur lernen. Hier ist nicht der richtige Ort, all diese Erfahrungen aufzuzählen, doch ich möchte erwähnen, dass ich glaube, mitlerweile vieles zu verstehen, was mir am Anfang noch komisch vorkam. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die Arbeitsweise im Büro und deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass ich im neuen Jahr eine Arbeit finden und mich neu motivieren kann.

Super Urlaub, auch ohne Kamera

Reisen ist in Peru wie eine Bildungsfahrt. Man gewinnt so viele neue Eindrück und Erfahrungen, dass man trotz lange Schlafen und viel Freizeit Neues lernt. Meine Reise ging zunächst von Pucallpa nach Tarapoto. Alleine die Fahrt war schon ein Abenteuer. Die unasphaltierte Straße führte durch teilweise noch sehr ursprünglichen Regenwald. Mehrere Flüsse mussten mit improvisierten Fären überquert werden, da die veralteten Hängebrücken das Gewicht eines Reisebusses wohl nicht mehr ausgehalten hätten. An einer besonders engen Straßenstelle am Abhang war dann erst einmal Schluss. Vor uns war ein Berghang herunter gekommen und einige Arbeiter versuchten mit Hilfe von Dynamit die Stelle wieder sicher zu machen. Sehr aufregend und vor allem in der Regenzeit kein seltenes Phänomen. Nach mehreren Stunden ohne Klimaanlage durch die feuchtheiße Tropenlandschaft kam ich dann endlich in Tarapoto, Perus drittgrößter Urwaldmetropole, an. Hier verweilte ich eine Nacht. Ich gönnte mir ein Einzelzimmer mit Fernseher und Privatbad, um meine kurz zuvor eingafangene Mittelohrentzündung auszukurieren.

Am nächsten Morgen ging aus früh los. Ich hatte mich für eine Rafting Tour eingeschrieben und zusammen mit zwei jungen Peruanern und einem Guide ging es gegen 9 Uhr los. Unser Kurs führte etwa eineinhalb Stunden über den Rio Mayo. Das Rafting war zwar ganz nett, allerdings kein wirkliches Abenteuer. Ich hatte mir mehr erwartet und hoffe, dass ich auf anderen Flüssen noch mein Raftingabenteuer finden kann.

Gegen Mittag ging es dann mit einem Minivan nach Moyobamba. Die Hauptstadt des Departamento San Martin sollte wenige Tage später Austragungsort für ein unvergessliches Weihnachtsfest mit 11 DED-Freiwilligen werden. Zunächst aber rief wieder das Abenteuer. Ich fuhr mit Bettina nach Chachapoyas. In der Hauptstadt des Departamento Amazonas wollten wir uns die Ausgrabunsstätte „Kuélap“ und den Wasserfall „Gocta“ anschauen. Am Abend des 21.12. kamen wir in Chachapoyas an. Die sehr abgelegene Stadt liegt auf 2300 Metern Höhe in der Selva Alta – dem Hochregenwald. Die Temperaturen sind deutlich kühler als im warmen Moyobamba und wir wurden von einem unangenehmen Regen erwartet. Dafür konnte aber die unglaublich schöne Plaza entschuldigen, die in kolonialem Stil alle bisher in Peru gesehenen Plazas in den Schatten stellte.

Am Abend trafen wir spontan Philip, einen weiteren Weltwärtsler, der sich ebenfalls auf der Reise zum großen Weihnachtsfest in Moyobamba befand. Wir tauschten bei einem Bier Infos und Erfahrungen aus, gingen dann aber schnell schlafen, weil am nächsten Tag Kuélap auf uns wartete. Müde von dem langen Tag fielen wir in die steinharten Betten unseres spartanisch eingerichteten Hostalzimmers, um wenig später gewzungener Maßen wieder aufstehen zu müssen. Warum möchte ich gerne erläutern. Ich hatte mit Bettina noch ein wenig gequatscht, bis zunächst sie einschlief. Ich war auch im Begriff mich ins Reich der Träume zu begeben, als ich ein leises Rascheln von Papier hörte. Papier – moment, da war doch was. Eines der kleinen Fenster neben unserer Tür war zerbrochen und nur mit einem Stück Zeitung abgeklebt. Das Fenster neben der Tür, dort, wo sich auch die Steckdose befand, in der mein Handy steckte. Handy. Oh nein. Ich sprang auf und musste leider feststellen, dass an dem anderen Ende des Aufladekabels kein Handy mehr hing. Das kann doch nicht wahr sein. Schon wieder ein Handy weg. Ich war mit den Nerven völlig am Ende, war es doch nach dem Rucksackklau schon das Zweite innerhalb von einem Monat. Ich meldete den Diebstahl der Rezeption, die hilfsbereit sofort das Hostal verschlossen und sich mit mir auf die Suche machten. Gegenüber von unserem Zimmer waren 3 junge Männer untergebracht, die wenige Minuten zuvor das Hostal betreten hatten und die einzigen noch wachen Gäste waren. Der Fall schien klar, doch er stellte sich sehr schwierig heraus. Natürlich wollten die 3 besoffenen Typen nichts mit dem Diebstahl zu tun haben. Wir könnten sie und ihr Zimmer ja durchsuchen. Nach ewigen Gesprächen – Gott Gott bla bla bla – wollte ich schon aufgeben, als plötzlich ein Mann erschien, der sich als Verantwortlicher für die drei Gestalten ausgab. Lange Rede kurzer Sinn, nach wenigen Minuten hatte ich mein Handy wieder und die drei Typen wurden aus dem Hostal geschmissen. Ich hätte nicht wenig Lust gehabt, dem „Anführer“ der drei richtig eine auf die Fr**** zu hauen, doch letzten Endes siegten meine Vernunft und die Müdigkeit. Endlich konnten wir schlafen.

Kuélap war eine Festung der Chachapoyas Krieger. Die heute auf knapp 3000 Metern gelegene Ausgrabungsstätte ist touristisch noch kaum erschlossen. Wir waren an diesem Tag zusammen mit etwa 25 anderen Menschen die einzigen Besucher. Die Zeit scheint in Kuélap still zu stehen. Wir waren live dabei, wie menschliche Knochen ausgegraben wurden und die Einsamkeit und Abgelegenheit verleihen dem Ort eine geheimnisvolle Mystik, die ich so zuvor noch nie erlebt habe. Die meisten der Ruinen sind noch nicht erforscht und von wilder Vegetation überwuchert. Bettina und ich waren verzaubert von diesem Ort. Die lange und strapaziöse Anreise hatte sich auf jeden Fall gelohnt. Die Bilder, die ich leider nicht fotografisch festhalten konnte (wie ihr wisst musste ich diese Reise ohne Kamera bestreiten – Bettina hat aber ein paar Fotos geschossen), werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

Nach dem Besuch dieses einzigartigen Ortes kommt natürlich der Vergleich mit Machu Picchu auf. Ob Kuélap nun „besser“ ist als Machu Picchu kann ich jedoch auch nach dem Besuch nicht beantworten. Ich kann auf jeden fall sagen, dass es sehr anders ist. Definitiv ist es ursprünglicher und persönlicher. Man muss sich den Ort nicht mit Tausenden Touristen teilen, sondern hat das Gefühl, dass man wirklich etwas Eigenes entdeckt. Unser Guide sagte uns, dass die Wissenschaftler über die Funktionen vieler Gebäude noch völlig im Dunkeln tappen. Man könne sich eigene Theorien entwicklen und Hypothesen bilden.

Total „geflasht“ von Kuélap ging es am gleichen Tag noch richtung Gocta Wasserfall. Wir fuhren mit einem Colectivo zur Abzweigung zum Dorf Cocachimba. Dort angekommen war es bereits Dunkel, doch vor uns lagen noch etwa 4 Kilometer Fußweg. Es folgte die wohl schönste Nachtwanderung meines Lebens. Der Mond und viele Glühwürmchen erhellten uns den Weg und im Hintergrund war das beruhigende Rauschen des Flusses zu hören. Wir suchten uns ein Plätzchen zwischen hohen Büschen, um dort unser Zelt aufzuschlagen. Doch „Schscht...hörst du das Alessandro? - Nein...da ist doch nichts – Doch! - Ahhhh...jetzt hör ich es auch, lass uns schnell weg hier! - Ok. Ich habe echt Angst!“ Was das nun war, wissen wir bis heute nicht, doch da war definitiv etwas. Wir entschieden uns weiter bis ins Dorf zu gehen. Dort gab es ein Hotel, das noch Zimmer frei hatte. In unserem schmalen Weltwärts-Geldbeutel hätte es aber ein spürbares Loch hinterlassen. So fragten wir herum und kamen letzten Endes bei einer Bauernfamilie unter. Das winzige Schlafzimmer war mit zwei Betten ausgestattet. Auf dem einen schliefen der Bauer, seine Frau und sein Sohn. Das andere machten sie für Bettina und mich frei. Ich war von der Gastfreundaschaft gerührt. Die Frau entschuldigt sich ständig für die einfachen Verhätnisse. Wir hatten ein schlechtes Gewissen. Das war wohl auch der Grund dafür, dass ich in der Nacht kaum ein Auge zu tat.

Am Morgen ging es um 5:30 los. Bettina und ich wanderten etwa 2 Stunden auf teilweise sehr steilen Pfaden, bis wir an tropischen Wäldern vorbei den Gocta Wasserfall erreichten. Dieses 771 Meter hohe Wunder der Natur konnte alle meine Erwartungen befriedigen. Der dritthöchste Wasserfall der Erde war ein unvergessliches Erlebnis. Schade, dass hier kein Foto von ihm zu sehen sein wird.

Auf dem Rückweg konnten wir den Andenklippenvogel, den Nationalvogel Perus, beobachten. Ein weiteres Element, das diese Reise einzigartig machte. Völlig erschöpft kamen wir in Cocachimba an. Wir hinterließen dem Bauern und seiner Frau noch ein paar Soles, und machten uns auf den Rückweg nach Moyobamba, wo wir dann am Abend auf die anderen Freiwilligen trafen. Unsere Gruppe war komplett, elf deutsche Weltwärtsler, die ein ganz besonderes Weihnachtsfest vor sich hatten. Der Abend fand einen angemessenen Ausklang in den Thermalquellen von Moyobamba.

Am nächsten Morgen stand ich ausgeschlafen auf. Ein ganz normaler Morgen mit dem Unterschied, dass heute Weihnachten war. Komisch. Hätte es mir keiner gesagt, dann wäre es mir gar nicht aufgefallen. Die Riesengruppe machte sich auf zu einem (kleinen) Wasserfall. Das war also unser Weihnachten. Bei 30 Grad an einem kühlen Fluss und mit erfrischenden Mangos zum Mittagessen. Ist das das Paradies oder doch nur Peru? Ich genoss meine Freiheit, stürzte mich mehrere Male über die Felsen in das kühle Nass und realisierte mein Glück. Das war einfach nur super.

Zufrieden fuhren wir zurück nach Moyobamba. Es sollte heute ein ganz besonderes Essen geben. Jeder kochte eine Kleinigkeit, sodass wir ein riesiges, ausschließlich vegetarisches (!!!) und superleckeres Menü hatten. Es gab einen Nudelauflauf, Causa Rellena, verschiedene Bananenvariationen, Brotburger, Russische Eier, griechischen Salat, Käse Fondue und einen riesigen Fruchtsalat. Nach dem ausgiebigen Essen machte uns Max noch den Weihnachtsmann. Ich bekam eine Diätbox, dessen Inhalt ein kleiner Salzkeks war. Vielen dank Max, leider habe ich meinen Diätplan in Moyobamba vergessen, weshalb ich wohl immer weiter zunehmen werde:-) Den weiteren Verlauf des Abends verbrachten wir in einer Disko. Anders als gewohnt, aber nicht unbedingt schlecht. Insgesamt hatten wir, Anne, Theresa, Jannes, Jakob, Philip, Max, Laszlo, Nora Amelie, Bettina und ich ein unvergessliches Weihnachtsfest.

Den 25. und 26. ließen wir ruhig angehen. Das war wohl die Ruhe vor dem Sturm, denn uns erwartete Sylvester in Mancora, DEM Strandort von Peru. Am Abend des 26. ging es los. Wir machten Zwischenstopps in Chiclayo und Piura, wo wir jeweils andere Freiwillige trafen, die Städte kennenlernten und bereits erste Erfahrungen mit der aggresiven Sonne der peruanischen Nordküste machten. Am 29.12. kamen wir dann in Mancora an. Der Ort an sich ist nicht schön und auch der Strand würde keinen Preis gewinnen, doch das Meer ist sehr erfrischend und es gibt hohe Wellen. Wir hatten ein super Hostal und genossen unsere Zeit. Der Höhepunkt war natürlich die Sylvesternacht. Der Ort platzte aus allen Nähten. Der Strand war mit Zelten gepflastert, auf der Straße war kein Durchkommen mehr und aber 21 Uhr stürzte das komplette Handynetz ein. Mitternacht mit den Füßen im Wasser und zusammen mit Tausenden anderen Menschen am Strand mit Feuerwerk, wie man es aus Deutschland gewohnt ist, war auch eine super Erfahrung. Es wurde noch eine lange Nacht, die erst um 8 Uhr morgens im Bett des Hostals endete. Insgesamt ein ebenfalls sehr gelungenes Sylvester.

Am nächsten Morgen war die Stimmung merklich gedämpfter. Heute war der Tag der Aufspaltung der Gruppe. Einen Teil zog es zurück nach Chachapoyas, mich und einen anderen Teil in den Norden nach Ecuador. Müde und ausgelaugt ging es zunächst nach Tumbes. Hier wollten wir uns ein wenig ausschlafen und Soso, eine Mitabiturientin von mir, treffen. Das Treffen viel dann relativ kurz aus, weil wir einfach zu müde waren. Am nächsten Tag ging es dann schnell weiter. Wir überquerten die Grenze, fuhren nach Machala und stiegen dort in eine Bus nach Cuenca. Ich kaufte mir in Machala Rei mit Hähnchen, was dann 2 Stunden später während der Busfahrt aus allen möglichen Körperöffnungen wieder aus mir heraus wollte. Schön, das sind immer die Erlebnisse, die eine Busfahrt, wo man sowieso schon keinen Sitzplatz mehr erwischt hat, erst richtig unvergesslich machen.

Cuanca ist eine wunderschöne Stadt. Hier gibt es unwahrscheinlich viele Kirchen und Museen. Es tat gut hier zwei Tage zu verweilen, den restlichen Reis mit dem Hühnchen aus meinem Körper zu entlassen und nach den letzten doch recht partyintensiven Tagen wieder ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen.

So schön Cuenca auch war, mich zog es nach Quito. Einerseits bin ich generell ein Hauptstadt-Fan, andererseits wartete dort Merle, ebenfalls Mitabiturientin und gute Freundin, auf mich. Sie ist ebenfalls Weltwärtslerin, jedoch von einer anderen Organisation. Ich war gespannt auf ihre Erfahrungen und freute mich, sie nach 5 Monaten wieder zu sehen. Glücklicherweise kam ich bei ihr umsonst unter. Wir hatten wirklich sehr nette Tage. Ich begleitete sie bei ihrer Arbeit und schaute mir Quito an. Wir konnten gute Gespräche führen und Trafen weitere Freunde, Mathi und Julian, aus Hamburg.

Zu Quito ist zu sagen, dass es auf Grund seiner geografischen Lage riesig erscheint. Zwar ist es von der Einwohnerzahl her mit Hamburg zu vergleichen, doch erstreckt es sich über eine Länge von 50 Kilometern. Die Stadt hat ein altes und ein neues Zentrum. Das neue Zentrum ist westlich geprägt. Hier kann man gut und relativ sicher auch nachts ausgehen. Die Altstadt ist ähnlich wie Cuenca wunderschön.

Am Ende war ich 25 Tage unterwegs. Die Zeit verfliegt, und so habe ich schon fast die Hälfte meines Weltwärtsjahres hinter mich gebracht.

Nach dreitägiger Rückreise kam ich gut wieder in Pucallpa an. Ich freue mich schon auf die nächste Reise, dann hoffentlich wieder mit Kamera.