1. Tag (Freitag, 03.09.2010)
Nach Tagen ohne genau zu wissen, wann es nun endlich los zu einer Shipibo Comunidad geht, war es heute endlich soweit. Julie und ich hatten bereits gestern 30 Kilo Essensvorräte für 10 Tage eingekauft und 40 Liter Trinkwasser organisiert. Wir fuhren voll bepackt zusammen mit unserem Kollegen Richard, der sich in den folgenden Tagen als sehr treuer Begleiter herausstellen sollte, um 9:30 vom AIDER Büro ab. Es ging zunächst mit dem Mototaxi nach Yarina. Diese Stadt ist mittlerweile mit Pucallpa zusammengewachsen. Ihren Namen verdankt sie der Lagune Yarinacocha. In Yarina stiegen wir in ein sehr ramponiertes Auto, das uns in den folgenden eineinhalb Stunden auf sehr abenteuerliche Art und Weise zu einem kleinen Flusshafen (eher ein paar Hütten mitten in der Selva mit Stock zum festmachen für die Boote) beförderte. Neben uns dreien saßen in dem Auto noch Richards Schwester und seine Frau jeweils mit Kind auf dem Arm. Auf der Hälfte der Fahrt bemerkten wir dann auch, dass sich zwischen dem Gepäck im Kofferraum noch ein weiterer Mitfahrer befand. Wir waren also hoffnungslos überladen und polterten die mit Schlaglöchern durchsähte Piste entlang. Ich frage mich wirklich, wie ein nicht geländetauglicher japanischer Kombi so eine Fahrt auch nur einmal überleben kann. Jedenfalls kamen wir letzten Endes gut an dem „Hafen“ an. Hier wartete das nächste Abenteuer auf uns. Da momentan Trockenzeit herrscht führt der Ucayali Niedrigwasser. Wir mussten uns also eine halbe Stunde durch das Flussbett kämpfen, um das Wasser zu erreichen und diesen Weg blöderweise auch noch zweimal zurücklegen, weil die schätzungsweise 120 Kilo Gepäck allein von mir und Julie einfach nicht auf einmal zu schaffen gewesen wären.
Völlig erledigt und durchgeschwitzt saßen wir dann gegen 13 Uhr endlich im Boot, das zwei von Richards Brüdern steuerten. Es handelte sich bei diesem Boot, wie bei den meisten Booten die auf dem Ucayali und in seinen Nebenflüssen verkehren, um ein Peque-Peque. Das sind sehr lange und schmale Holzboote, die mit einem sehr abenteuerlichen Außenboardmotor, der aus dem Motor an sich und einem etwa 2,5 Meter langen Ausleger, an dessen Ende sich die Motorschraube und ein Ruder befinden, besteht. Es wurde eine zunächst entspannte Flussfahrt. Wir überquerten den Ucayali und bogen am gegenüberliegenden Ufer in den Rio Callería ein. Diesen Fluss konnten wir zunächst nur in Schlangenlinien hinauffahren, weil wir den Sandbänken, die sich nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche des sehr niedrigen Flusses befanden, ausweichen mussten. An einer besonders flachen Stelle mussten wir schließlich das Boot verlassen und mit Stöcken watend durch das Wasser einen geeigneten Weg suchen. Nachdem wir alle Sandbänke hinter uns gelassen hatten und nicht mehr ständig im Sand hängen blieben, waren es noch etwa 30 Minuten bis nach Callería.
Peque-PequeCallería ist eine Comunidad der Shipibo Indianer. Das Wort Indianer lässt vor dem europäischen Auge zumeist ein Bild von nackten, mit Federn geschmückten Urwaldmenschen entstehen, die sich von Affen ernähren und den Schamanismus verfolgen. Dies ist in Callería, und soweit ich es bis jetzt mitbekommen habe in den meisten Shipibo Comunidades nicht der Fall. Die Shipibo sind laut wikipedia eine indigene Ethnie, „die im Osten Perús in der Umgebung des Flusses Ucayalí siedeln (Departamentos Loreto und Ucayalí); sie leben von Ackerbau, Fischerei und Tierhaltung. Ihre Sprache, die ebenfalls als Shipibo-Conibo bezeichnet wird, wird von ca. 26.000 Menschen gesprochen.“
Die Shipibo in Callería wohnen in einfachen palmengedeckten Holzhütten, die aufgrund des alljährlich in der Regenzeit auftretenden Hochwasser auf etwa ein Meter hohen Pfählen stehen. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist der Fluss. Es gibt keine Straßen, man badet sich im Fluss und benutzt dessen Wasser auch zum Trinken und Kochen. Es gibt kein herkömmliches Stromnetz, jedoch wurden vor einigen Jahren an etwa der Hälfte der Häuser Solarplatten aufgestellt, die tagsüber eine Batterie aufladen, die dann Nachts wenigstens ein paar Stunden eine Glühbirne betreiben kann. Außerdem hört man in den frühen Abendstunden auch aus einigen Ecken das Knattern von Generatoren und als dessen Folge auch Musik aus den wenigen Fernsehern, die das ganze Dorf beschallen.
Callería vom Fluss aus
typische Häuser
Nach unsere Ankunft in Callería zogen Julie und ich in das Haus von Richards Eltern. Es bestand aus einer Terrasse und einem Raum, wo wir es uns mit unseren Isomatten von AIDER und unter unseren Moskitonetzen bereits um halb 7 gemütlich machten, um eine mehr oder weniger erholsame Nacht – die Geräusche und Tiere des Urwaldes, die auch nicht vor den Wänden unseres Zimmers Halt machten, bedurften ein paar Nächte der Gewöhnung – zu verbringen. Ich war sehr gespannt darauf, was mich hier in den nächsten Tagen alles erwarten würde.
2. Tag (Samstag, 04.09.2010)
Unser Tag begann mit dem Sonnenaufgang um etwa 6 Uhr. Wir gingen zu Sally, einer Bewohnerin von Callería, die in den nächsten Tagen netterweise für uns kochen würde. Nach dem deftigen und reichlichen Frühstück hatten wir ein Gespräch mit dem Dorfoberhaupt (Dario Sanchez), dem Lehrer der Primaria und dem Promotor Forestal (José Reátegui). Julie stellte ihr Bildungsprojekt vor und bekam auch gleich die Rückmeldung, dass sie sofort am Montag damit anfangen könnte. Mein Anliegen war es, die demografischen Daten von Callería zu aktualisieren. Ich brauchte für AIDER verlässliche Daten über die Alters- und Geschlechtsverteilung der Bewohner von Callería. Dass ich damit neues Gebiet betrat, immerhin wusste zu diesem Zeitpunkt keiner der Comuneros die genaue Einwohnerzahl ihrer Comunidad, merkte ich schnell. Zwar war man von der Idee, diese Daten zu aktualisieren, auf Anhieb begeistert, doch es sollte eine nervige und zähe Arbeit werden, diese aufzutreiben.
Im Anschluss an unser Gespräch gab es eine Versammlung der ganzen Comunidad, bei der schätzungsweise ein Drittel der Bewohner anwesend war, um den Ablauf des heutigen Putztages zu koordinieren. Die Frauen säuberten in den nächsten Stunden den Hauptweg von Calleria, der sich auf der gesamten Länge der Comunidad entlangzog und gleichzeitig Hühnerstall, Fußweg und allgemeiner Treffpunkt war, und ich ging mit den Männern mit Macheten bewaffnet in die „Zona Forestal“ (forstwirtschaftlich genutzte Fläche des Waldes von Callería) um die einzelnen Pfade zu den zu fällenden Bäumen freizumachen. Das war eine sehr anstrengende Arbeit, doch bekam ich so bereits erste Eindrücke von dem Wald, der hier noch als primärer Urwald zu bezeichnen ist. Ich war die meiste Zeit mit Pablo, einem 48 Jährigen Comunero, unterwegs. Er zeigte mir nebenbei medizinische Pflanzen, und war sehr interessiert an mir und meiner Arbeit. Wir redeten auch über einige Probleme von Calleria. Da wäre zum Beispiel der Müll zu erwähnen. Es gibt zwar verschiedene Müllbehälter, doch wird in den „Organico“ Behälter auch der Plastikmüll, die Batterien und alles andere herein geworfen. Die Müllbehälter werden im Wald entleert und das Hochwasser transportiert dann den Müll alljährlich davon, sodass jedes Jahr das Problem wieder von neuem anfängt. Der Müll in Calleria ist ein wirkliches Problem und ich habe selbst nach mehreren Gesprächen mit verschiedenen Leuten immer noch keine Idee, wie man dieses lösen könnte. Vielleicht entwickelt sich daraus ja ein zukünftiges Projekt.
RichardNachdem ich beim Mittagessen die Bekanntschaft mit den „Tabanos“, einer wirklich gemeinen Stechfliegenart, die es anscheinend nur auf Menschenfüße abgesehen hat, gemacht habe und mit schmerzenden Füßen in unsere Hütte zurückging, habe ich eine ausgedehnte Siesta in meiner Hängematte gehalten. Die Mittagszeit ist wirklich sehr heiß und drückend. Es ist kaum jemand draußen und die ganze Comunidad wirkt wie ausgestorben. Nachmittags habe ich noch mit den anderen Jungen und Männern Fußball gespielt. Das war zwar ganz nett, immerhin war es das erste Mal seit etwa einem Monat, jedoch hatte ich leider meine Stollenschuhe in Pucallpa gelassen, weshalb ich es für die kommende Zeit bei diesem einen (verlorenen) Match beließ. Nach einer erfrischenden Kokosnuss und einem leckeren Abendessen, wieder mit vielen Stechfiechern, viel ich todmüde in mein Bett, beziehungsweise auf die dünne auf dem Boden liegende Isomatte.
3. Tag (Sonntag, 05.09.2010)
Nach einer unruhigen und schmerzenden Nacht – Die Fugen zwischen den Bodenleisten neben meiner Isomatte stellten sich in der Nacht als ideale Eingangstür für allerlei Krabbelgetier heraus – stand heute wieder eine Dorfversammlung auf dem Programm. 3 Stunden (davon mindestens eine Warten, bis alle, also ein Drittel, da sind) lang wurde, natürlich auf Shipibo, über alles Mögliche diskutiert. Wir verstanden leider nicht viel und konnten nur an den sehr emotionalen Gestiken der Sprecher erahnen, worum es sich wohl handelte. Nach der Versammlung gab es Mittagessen und natürlich genau als ich das Haus von Sally verließ um die etwa 700 Meter zu unserer Hütte zu gehen, öffnete der über den ganzen Morgen immer grauer werdende Himmel seine Pforten und ließ mich ganz schön nass werden. Die Mittagszeit verbrachte ich wieder in meiner Hängematte. Nachdem sich das Wetter nachmittags wieder beruhigt hatte, ging ich runter zum Fluss um ein wenig mit einem Einbaum-Kanu herum zu paddeln. Das war schwieriger als ich es mir vorgestellt hatte, denn diese kleinen, flachen und schmalen und Boote liegen wirklich sehr wackelig auf dem Wasser. Ich habe es glücklicherweise ohne zu kentern geschafft, ein paar schleifen auf dem ruhigen Fluss zu drehen. Nach dem Sonnenuntergang legte ich mich wieder in die Hängematte. Es waren mal wieder sehr viele Stechtiere in der Luft unterwegs. An den letzten Abenden war dies auch ein Grund dafür, dass wir so früh schlafen gingen. Heute hatte ich mir aber lange Klamotten angezogen und herausgefunden, dass die Mücken einen nicht stechen, wenn man in der Hängematte liegt und schaukelt. Es muss ein sehr lustiges Bild sein, einen Gringo in einer Shipibo Comunidad wie ein Kleinkind in einer Hängematte schaukeln zu sehen. Mir hat es aber in der gesamten Zeit viele Mückenstiche erspart und deswegen war mir ziemlich egal, was die Comuneros darüber denken. Um 19 Uhr wurden wir kurzfristig von Daniel, dem Ehemann unserer Köchin Sally, eingeladen, dem Gottesdienst der evangelischen Kirche, dessen Ursprung auf die Machenschaften von nordamerikanischen Missionaren zurückzuführen ist, beizuwohnen. Wir wurden zwar sehr nett begrüßt, doch war uns schnell klar, dass dies unsere einziger Abend in der Kirche sein würde.
Als wir müde in unser Zimmer kamen, wurden wir von einer ganzen Armee handtellergroßen Spinnen erwartet. Julie hatte ziemliche Angst, ich jedoch habe mir einfach gesagt, dass man dagegen nichts machen kann. Diese Tiere gehen jede Nacht in die Häuser der Menschen. Wenn sie so gefährlich wären, dann würde es in Callería sicherlich schon lange keine Menschen mehr geben. Es folgte eine erholsame und durchgeschlafene Nacht.
einer unserer nächtlichen Gäste
4. Tag (Montag, 06.09.2010)
Heute sollte ich sehen, wie ein Urwaldriese gefällt wird. Julie hatte mit ihrem Recyclingprojekt in der Grundschule zu tun, weshalb ich ohne sie mit Richard in den Wald ging. Wir fuhren statt wie geplant um 8 Uhr erst um 10 Uhr – Warten ist für mich in Südamerika zu einer alltäglichen Beschäftigung geworden – mit einem Einbaum-Kanu los. Zunächst passierten wir einen sehr idyllischen Urwaldkanal, der uns nach etwa 20 minütiger Fahrt zur Eva-Cocha, einem kleinen See, in dem viele Bewohner Callerias mit ihren Netzen fischen, führte. Hier verließen wir das Boot und gingen in den Wald. Wir kamen zu einem wirklich großen Baum der Art „Capirona“. Er hatte am unteren Ende einen Durchmesser von etwa 1,5 Meter und war in der näheren Umgebung mit Abstand der größte Baum. Ich hatte irgendwie ein schlechtes gewissen, dass ich jetzt dabei sein sollte, wie so ein beeindruckender Urwaldriese in wenigen Minuten niedergestreckt wird – schließlich bin ich ja eigentlich in Peru um den Urwald zu schützen als ihn zu zerstören. Dazu gleich aber noch mehr.
Wir trafen bei dem Baum zwei Holzfäller, die auch sofort die über einen Meter lange Motorsäge der Marke Stihl an schmissen. Es dauerte ungefähr 10 Minuten, bis der gewaltige Baum mit einem ohrenbetäubendem Lärm von zerberstendem Holz und einer wirklich erstaunlichen Erschütterung des Waldbodens viel. Mindestens 50 Jahre Leben wurden in 10 Minuten einfach beendet. Mit dem gefällten Baum vielen auch noch mindestens 10 andere Bäume, die er mit sich riss und somit eine beträchtliche Lichtung im sonst dichten und schattenspendenen Urwalddach hinterließ. Der Riese wurde dann direkt vor Ort zersägt. Zunächst in etwa 2,5 Meter Lange Stämme und dann immer kleiner, bis letztendlich nur noch Holzbohlen von dem einstigen Riesen übrig bleiben. Ich hatte während der Baum zersägt wurde scherzhaft gesagt, dass man aus einer dünnen Scheibe eines solchen Baumes einen schönen Tisch bauen und diesen dann in Europa für viel Geld verkaufen könnte. Daraufhin sägte mir der Mann mit der Motorsäge kurzerhand eine Scheibe ab und meinte, ich solle ihm ein Foto schicken, wenn der Tisch fertig ist. Ich habe nun wirklich vor, diese Scheibe mit nach Deutschland zu nehmen, und daraus einen schönen Tisch zu bauen.
das Arbeiten mit der schweren Motorsäge ist Knochenarbeit
der Riese fällt
Ich mit meinem Tisch
Insgesamt hat mich das Fällen und Verarbeiten dieses Baumes sehr beeindruckt. Ich war zwar ein bisschen überrascht, wie viel Holz nicht verwendet wird – es wurde nur der Hauptstamm bis zur ersten Gabelung, also vielleicht ein Drittel der Höhe des Baumes genutzt – Doch hat mir Julie, die in Freiburg Fortwirtschaft studiert, erklärt, dass dies für den Wald gar nicht schlecht ist. So sei der Rest des Baumes ein Kohlenstoffspeicher und würde in wenigen Jahren seine Nähstoffe für neue Pflanzen freigeben.
Nun komme ich noch einmal auf den Aspekt des Schützens oder Zerstörens des tropischen Regenwaldes zurück. Das Holz in Calleria ist FSC zertifiziert. Es müssen strenge Auflagen erfüllt werden. So ist zum Beispiel jeder Baum kartografiert und sein Fällzeitpunkt festgelegt. Es gibt einen Bewirtschaftungsplan, der eine nachhaltige Waldbewirtschaftung ermöglicht. Das Problem ist nicht unbedingt, dass im tropischen Regenwald Bäume gefällt werden, sondern wie sie gefällt werden. In Calleria ist momentan gewährleistet, dass auch in ferner Zukunft der Wald existiert und erlaubt in gesundem Maße Holz zu entnehmen. Leider werden die meisten Bäume im Amazonasregenwald illegal gefällt. Große Unternehmen gehen mit zerstörerischen Maschinen in den Wald hinein und nehmen so viel Holz mit, wie es nur geht. Es steht der Profit, nicht die Nachhaltigkeit im Vordergrund. Wenn der Wald kein Holz mehr bietet ziehen sie einfach weiter und betreiben das ganze Spiel von Neuem. Dies geschieht hier allzu häufig ohne Genehmigung vom Staat. Beamte werden bestochen und Nationalparks und Naturschutzgebiete missachtet. Somit kann ich mittlerweile guten Gewissens sage, dass ich nicht der Zerstörung des Regenwaldes beigewohnt habe. Wenn es zwar nicht Schutz im herkömmlichen Sinne war – das ist und bleibt für mich ein Nationalpark oder Naturschutzgebiet – so ist die Art und Weise, wie in Calleria Holz gefällt wird, immerhin ein Beitrag dazu, dass es auch in Zukunft noch tropische Regenwälder geben kann.
Am Nachmittag hatte ich noch ein Gespräch mit José und Darío. Es ging um die demografischen Daten. Mir wurde ein Buch gezeigt, in dem angeblich, was aber offensichtlich nicht der Fall war, alle Einwohner Callerias registriert gewesen sein sollten. Hier fehlte aber das Alter der Personen, was das Buch für mich endgültig nutzlos machte. Ich wurde auf Morgen vertröstet. Den Abend verbrachte ich wieder schaukelnd in meiner Hängematte und hatte im Anschluss eine erholsame Nacht.
5. Tag (Dienstag, 07.09.2010)
Der heutige Tag begann mit einem weiteren Fehlschlag bezüglich meiner Suche nach den demografischen Daten Callerias. Ich ging mit dem Dorfchef Dario ins Gesundheitszentrum dort wartete (…) ich, während er in einem unsortierten Datenhaufen nach dem nächsten kramte, um mir dann mitzuteilen, dass er nichts gefunden habe. Bis auf eine Grafik, die zwar ähnliche Daten enthielt, die ich suchte, die aber bereits auf den ersten Blick ein bisschen unvollständig und schlecht strukturiert wirkte, ging ich wieder mit leeren Händen aus. Mir wurde gesagt, dass ich auf die Krankenschwester warten solle. Sie habe diese Daten, sei aber momentan in Streik. Um meinen Datenhunger zu befriedigen, ließ ich mir wenigstens von dem Leiter der Primarschule einige Zahlen zu seinen Schülern geben.
Nach dem Mittagessen fuhren Julie, Richard und ich auf die andere Seite des Calleria Flusses. Das war wirklich sehr nett von Richard. Er hat sich bis jetzt immer viel Zeit für uns genommen und hat uns viele interessante Dinge gezeigt und erklärt. Die andere Flussseite ist das Naturschutzgebiet von Callería. Dass wir hier zunächst auch auf Holzfäller trafen, hat mich ein wenig gewundert. Richard versicherte uns aber, dass alles mit rechten Dingen zugehe. Wir machten einen schönen Waldspaziergang und sahen viele Pflanzen, riesige Bäume und schöne Vögel. Als wir an einen kleinen Teich kamen, sahen wir sogar grade noch die Kaimane, die vor uns flüchtete. Leider konnte ich sie nicht mehr fotografieren. Insgesamt war dieser Spaziergangh wirklich sehr beeindruckend. Der tropische Regenwald ist wirklich ein faszinierendes Ökosystem, dass absolut schützenswert ist! Ich hoffe, dass ich in meinem Jahr in Peru und auch in der Zukunft noch viele solcher Walderlebnisse miterleben kann. Der folgende Abend verlief wie die vorherigen.
Ich vor einem Urwaldriesen
Dieser vogel heißt Camungo
ein sehr beeindruckendes Gebilde aus Baum, Lianen und anderen Schlingpflanzen
Brettwurzeln und Lianen
6. Tag (Mittwoch, 08.09.2010)
Nach einer ruhigen Nacht und einem sättigenden Frühstück ging ich heute morgen zu der Sekundarschule und ließ mir auch dort einige Zahlen über die Schüler geben. Wegen der anderen Daten habe ich heute mit José gesprochen. Er möchte jetzt das Ruder in die Hand nehmen. In ihn habe ich deutlich mehr Vertrauen, als in Dario. Ich war einigermaßen guter Dinge, dass ich meine Aufgabe hier doch noch irgendwie erledigen kann.
Am Vormittag machten wir eine sehr ausgedehnte Waldwanderung mit Richard. Er hat uns mit dem Gewehr, dass er für den Fall, dass wir einer Raubkatze begegnen, dabei hatte, geschultert an wirklich schöne Plätze geführt. Wir wollten eigentlich Affen beobachten, doch leider haben wir keine gefunden. Trauriger Höhepunkt dieser Wanderung war, dass wir mitten im Gebiet von Callería auf Straßen von illegalen Holzfällern gestoßen sind. Wir hörten sie mit ihren Kettensägen arbeiten und sahen auch eine Stelle, wo sie bereits fertig mit dem Fällen waren. Sie haben so viel verwertbares Holz einfach zurückgelassen, dass ich die nächsten 2 Stunden echt betrübt war. So etwas kann man einfach echt nicht verstehen.
Nach dem Mittagessen ging ich noch einmal mit José in das Gesundheitszentrum. Diesmal suchten wir zusammen nach den Daten, doch wurden wir wieder nicht fündig. Er meinte, dass er direkt morgen anfangen wolle, einen Zensus in ganz Callería durchzuführen. Mir erschien das ein sehr großer Aufwand. Ich hatte auch wenig Lust selbst von Haus zu Haus zu ziehen, da ich das erstens nicht als meine Aufgabe ansehe und zweitens die Sprache Shipibo nicht beherrsche. Zwar verstehen und Sprechen die meisten Comuneros auch Spanisch, doch sind solche Angelegenheiten in der Alltagssprache einfach besser zu erledigen. José schien aber sehr motiviert zu sein, was mir nur Recht sein konnte. Ich war gespannt, was kommen würde.
Am Nachmittag bin ich zuerst runter zum Fluss gegangen, um meine Klamotten zu waschen. Sie waren zwar nach der Wäsche in dem braunen Wasser nicht richtig sauber, doch war der unangenehme, langsam beißende Schweißgeruch erst einmal wieder raus. Ich habe bis jetzt einfach sehr viel geschwitzt, was bei dem Klima hier auch nicht verwunderlich ist. Im Anschluss bin wieder mit dem Einbaum-Kanu ein bisschen durch die Gegend gepaddelt, und habe versucht, im letzten Tageslicht ein paar bunte Vögel zu fotografieren. Ich habe die Ruhe auf dem Wasser sehr genossen.
der UrwaldkanalAbends um 21 Uhr, also bereits nach meiner üblichen zu-Bett-geh-Zeit in Calleria, ging ich mit Pablo, der mir am zweiten Tag die medizinischen Pflanzen gezeigt hatte, und seinem Schwiegersohn Marcelo auf eine Nacht-Bootfahrt. Ich dachte zuerst, dass wir Kaimane beobachten wollten. Als sie mir dann aber erzählten, dass wir einen Kaiman fangen wollten, habe ich erst einmal nicht schlecht gestaunt. Tatsächlich erreichten wir nach einer kurzen Nachtwanderung, bei der wir eine riesige Tarantel entdeckten, einen kleinen See, der von Kaimanen nur so wimmelte. Man erkennt Kaimane Nachts, indem man mit einer Taschenlampe das Wasser absucht. Die Augen der Kaimane leuchten im Schein der Taschenlampe rot. Beim zweiten Versuch fingen wir mit einer Mischung aus Speer und Harpune ein etwa 1 Meter langes Exemplar. Morgen früh werden wir den Kaiman zum Frühstück essen. Darauf bin ich sehr gespannt. Wir leerten dann noch drei volle Fischernetze, sodass ich erst spät am Abend nach Hause kam. Ich badete mich noch in absoluter Dunkelheit im Fluss und viel dann todmüde ins Bett.
diese Tarantal hatte etwa die größe einer ausgestreckten Hand
unser Frühstück7. Tag (Donnerstag, 09.09.2010)
Sonnenaufgang am andern Ufer
José fing heute Morgen tatsächlich mit dem Zensus an. Ich bin sehr gespannt, ob alles so klappt, wie ich es mir wünsche. Um 8 Uhr ging ich zum Haus von Pablo. Der gestern Nacht gefangene Kaiman war bereits gegrillt und essbereit mit Reis, Zwiebeln und einem Hafergetänk serviert. Das Fleisch schmeckte wirklich ausgezeichnet. Ich würde es als eine Mischung aus Fisch und Hühnchen bezeichnen. Gewürzt war es mit Salz und Ají, dem peruanischen Chilli.
Nach dem Essen hatte ich mit Pablo noch ein recht interessantes Gespräch über Entwicklungshilfe und die Situation in Callería. Ich habe versucht, ihm klar zu machen, dass wir „Gringos“ nicht alle Probleme lösen können. Wir können eventuell Hilfe zur Selbsthilfe geben, aber die Comunidad darf sich nicht darauf verlassen und daran gewöhnen, dass aus der ganzen Welt reiche weiße Männer kommen, und ihnen Sachen schenken. Ich habe das Gefühl, dass er mich verstanden hat.
Im Anschluss nahm ich ein Flussbad. Morgens ist das Wasser noch angenehm kühl. Im Laufe des Tages steigt die Oberflächentemperatur des Wassers so stark an, dass es Abends alles andere als eine Erfrischung ist, sich in dieser warmen Brühe zu waschen. Der positive Effekt jedoch ist, dass das Wasser nachts die aufgenommene Energie in Form von Wasserdampf wieder an die Umgebung abgibt. Morgens ist somit der ganze Regenwald feucht – als wenn es geregnet hätte – und ganz Callería ist von einem mystischen Nebel eingehüllt.
allmorgendlicher Nebel
Nach einer langen Siesta fuhr ich wieder mit dem Einbaum-Kanu auf dem Fluss herum. Diese früh abendliche Aktivität entspannte mich wirklich sehr, auch wenn ich dabei jedes mal total durchgeschwitzt wieder zurück kam.
Der Abend verlief mal wieder in gewohnter Abfolge, nur dass wir uns diesmal anstatt von Sally bekochen zu lassen an unseren Keksvorräten vergingen, weil das Essen, dass wir in Sallys Haus einlagerten und somit keinen Überblick darüber hatten, langsam knapp zu werden schien.
8.Tag (Freitag, 10.09.2010)
Heute Morgen fuhren wir mit Richard und einigen anderen aus seiner großen Familie mit dem Peque-Peque zur Bananenernte. Hier in Callería hat jede Familie eine eigene Plantage. Die von Richards Familie war wirklich sehr schön. Wir kamen vollgepackt mit Kochbananen, einigen süßen Bananen und 3 Papayas zurück in die Comunidad. Nach dem Frühstück und einem Flussbad verbrachte ich eigentlich den ganzen Tag in der Hängematte. Es war heute einfach zu heiß um irgend einer Aktivität nach zu gehen. Die Zeit in der Hängematte verbachte ich aber lesend mit dem Buch „Wir bezwangen den Amazonas“. Ich malte mir wilde Raftingtouren durch reißende Gebirgsflüsse in den Anden aus. Ich habe mir fest vorgenommen, während meiner Zeit hier in Peru wenigstens einmal in eines dieser Schlauchboote zu steigen.
BananenZum Abendessen gab es heute von den geernteten Bananen, Kekse und eine leckere Wassermelone, die Julie am Vortag vom Feld mitgebracht hatte.
9. Tag (Samstag, 11.09.2010)
Der heutige Tag begann mit Bauchschmerzen. Ich führte diese auf die Bananen von gestern Abend zurück. Wahrscheinlich waren sie noch nicht ganz reif. Glücklicherweise gingen die Schmerzen schnell zurück. Ich ging heute mit Richard ein letztes Mal in den Wald. Wir mussten ein paar Fotos von den markierten Bäumen machen und ich wollte noch einmal zu der Stelle gehen, wo am Montag der Riese gefallen war. Ich vervollständigte meine Fotoreihe. Als wir zurück nach Callería kamen, war die gesamte Comunidad in Aufruhe. Heute sollte Besuch aus den USA kommen, der angeblich auf irgendeiner Homepage die Tänze von Callería gesehen hatte, und diese nun life sehen wollte, um sie eventuell touristisch zu vermarkten. Nach langer Warterei kam auch schließlich ein weißes Schnellboot den Fluss hoch gefahren. Die Fremden, unter denen sich neben Peruanern und Ecuadorianern tatsächlich auch zwei US Amerikaner befanden, wurden überschwänglich begrüßt. Der traditionelle Tanz war nicht so ganz mein Ding. Er schien von dem „Mazato“, den die Tänzer anscheinend vorher getrunken haben, sehr beeinflusst zu sein. Es handelt sich dabei um ein alkoholisches Getränk, dass aus Yucca (Maniok) hergestellt wird. Ich habe diese Getränk auch probiert. Es war sehr stark, doch süß und durchaus lecker. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es bei der Herstellung gekaut werden muss, um mit dem Speichel irgendwelche Prozesse in Gang zu bringen. Insgesamt fand ich den Empfang für die Gäste ein wenig übertrieben. Es schien alles nur darauf abzuzielen, am Ende möglichst viel Kunsthandwerk zu verkaufen. Die typischen Tänze und Klamotten finde ich persönlich auch nicht mehr typisch, weil sie nur noch zu solchen Anlässen praktiziert und getragen werden. Nach einem Gespräch mit den Gästen fanden Julie und ich auch heraus, dass sie nicht etwa wegen den Tänzen nach Callería gekommen waren, sondern um im Auftrag von „The Nature Conservaty“ (TNC) die forstwirtschaftlich genutzte Fläche von Callería zu besichtigen. Insgesamt war für mich diese Veranstaltung ein Reinfall, wo mal die Gäste bereits nach 3 Stunden wieder davon fuhren. José gab seine Unzufriedenheit mit diesem Tag mir gegenüber auch zu.
(typischer) Tanz
Heute Abend nahm ich das erste Mal an einem Volleyball Match teil. Ich spielte erst nicht so gut, doch als ich einmal einen platzierten Schmetterball hinbekommen habe, schien ich ganz Callería auf meiner Seite zu haben und alle Bälle wurden auf mich gespielt. Das war sehr schön, auch wenn wir das Spiel verloren haben.
Heute Abend merkte ich, dass mit meinem Magen nicht alles in Ordnung war. Ich ging also ohne etwas zu Essen schlafen und verbrachte eine fast schlaflose Nacht.
10. Tag (Sonntag, 12.09.2010)
Heute Morgen war ich total gerädert. Ich hatte eine unschöne Nacht hinter mir und war total schlapp. Ich habe zwar ein wenig gefrühstückt, doch mein Magen war echt nicht in Ordnung, Ich verbrachte also den ganzen Tag in meiner Hängematte. Zu meiner Freude kam etwa um 11 Uhr José zu unserer Hütte und hatte alle gewünschten Daten von der gesamten Bevölkerung Callerías vollständig. Das hat mich wirklich sehr gefreut. Ich habe José in den letzten Tagen wirklich schätzen gelernt und habe ihm das auch mitgeteilt. Wir haben uns noch ein wenig unterhalten und er hat mir seine wirklich sehr bewegende Geschichte erzählt.
Im Anschluss habe ich mein Buch zu Ende gelesen und mich ein bisschen wehmütig gedanklich auf die morgige Abfahrt vorbereitet. Meine Zeit in Callería war wirklich sehr schön. Ich habe viel für meine Arbeit bei AIDER gelernt und konnte an dem Leben hier in der Comunidad teilnehmen. Die Comuneros haben uns gegen Ende unseres Aufenthaltes anscheinend auch ins Herz geschlossen. Für mich steht fest, dass ich wieder hier her kommen werde.
11. Tag (Montag, 13.09.2010)
Heute morgen klingelte der Wecker sehr früh. Wir mussten noch alle unsere Sachen packen. Unsere Pünktlichkeit stellte sich als unnötig heraus, als wir mal wieder vor unserer Hütte Wartend auf unseren Rucksäcken saßen. Als es endlich los ging, gab Richard uns einen Teller mit frischen Bananenchips, die für das Warten mehr als entschuldigten. Sie waren echt lecker. Obwohl ich in Deutschland keine Bananen mag, sind sie hier auf dem besten Weg, eines meiner Lieblingsessen zu werden.
Unser Boot war hoffnungslos überladen. Wir mussten ständig das über den Rand hereinlaufende Wasser ausschöpfen. Die Comuneros schien dieser Umstand jedoch nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie waren auch sehr gelassen – ich ehrlich gesagt diesmal auch – als wir wieder im Flussgrund steckenblieben und das Boot verlassen mussten.
Der halbstündige Marsch über den Flussstrand des Ucayali war diesmal noch schweißtreibender als auf dem Hinweg, weil die Sonne fast senkrecht vom Himmel brannte. Wir fuhren wieder mit einer dieser Klapperkisten die 1,5 Stunden über die staubige und schlaglochreiche Piste nach Pucallpa. Dass der Motor des Autos zweimal ausfiel und wir mitten auf der Straße stehenblieben, nahm ich gar nicht mehr richtig zur Kenntnis. In Pucallpa angekommen hatte uns die Zivilisation, der Lärm und die schmutzige Luft sofort wieder im Griff. Ich freue mich auf die nächste Reise in eine Comunidad.