Um der in der letzten Zeit doch aufs Gemüt schlagenden Büro-Nicht-Arbeit zu entfliehen, hatte ich mich entschieden, eine Reise zu unternehmen. Im Einverständnis mit meinem Chef Pio und meiner Koordinatorin Mechthild bekam ich für eine Woche frei und hatte somit, die beiden Wochenenden mitgezählt, 9 Tage Zeit für meine Reise. Ich entschied mich, diese Reise alleine anzugehen. Zwar war mir bewusst, dass man sich zu dem einen oder anderen Moment einsam fühlen würde, und dass man schöne Erlebnisse nur für sich behalten, und mit keinem anderen Teilen könnte, doch ich wollte dieses Experiment für mich persönlich einmal ausprobieren. Ich versprach mir völlige Freiheit, keine Absprachen mit niemandem und einfach mal 9 Tage nur das machen, worauf ich selber Lust habe. Meine geplante Route führte mich von Pucallpa aus bis auf 4300 Meter hoch in die Anden und über eine Nebenstrecke den Andenostabhang hinunter zurück bis nach Pucallpa.
1. Tag (Samstag, 06.11.2010)
Mit dem Bus ging es zunächst nach Huánuco. Die Fahrt bot keine Besonderheiten. Einzig erwähnenswert war ein Gespräch mit einem Peruaner, der für die Regierung Cocaplantagen in den Region von Tingo Maria zerstört. Er erzählte mir von den Gefahren seiner Arbeit und gab mir einige Verhaltenshinweise für diese doch recht konfliktgeladene – immerhin ist Tingo Maria die letzte Hochburg der Terrororganisation Sendero Luminoso – Region.
Angekommen in Huánuco rief ich Leonie an. Ich hatte sie und eine andere weltwärts Freiwillige, Jana, in Pucallpa beim „Oktoberfest“ kennengelernt. Bei ihr konnte ich mein Gepäck unterstellen und sie zeigte mir das Zentrum von Huánuco. Gegen Nachmittag ging es dann mit einer Gruppe peruanischer Studenten, unter anderem auch der Gastschwester von Leonie, für eine Nacht zum Campen in ein kleines Andendorf. Wir kamen in einem Bauernhaus, etwas abgelegen von dem Dorf, das den Namen „Salapampa“ trägt, unter. Eigentlich war das Ziel dieses Ausfluges, bei den Kindern des Dorfes eine „Zahnreinigung“ durchzuführen. Das wurde dann aus irgendwelchen mir nicht bekannten Gründen doch nichts. So belief sich die eigentliche Arbeit in dem Dorf nur auf das Verteilen von Wahlplakaten und dem Hinweis, dass irgendwann in der nächsten Zeit kostenlos Medikamente verteilt werden sollten. Die restliche Zeit hielten wir uns bei dem Bauern und seiner Frau auf. Wir wurden mit sehr bescheidenen Mitteln lecker bekocht und zündeten, nachdem wir die Zelte aufgebaut hatten, ein Lagerfeuer an. Nach nettem Zusammensein um das Feuer entschied ich mich als erster, ins Bett zu gehen. Ich war von der Reise so müde, dass mich nicht mal mehr der um Mitternacht wartende Geburtstag von Johannes, einem weiteren deutschen Freiwilligen, wachhalten konnte. Als ich mich also gerade in meinem Schlafsack eingelegen hatte und kurz davor war einzuschlafen, fing es an zu regnen. Nach kürzester Zeit wurde aus dem Zelt eine Tropfsteinhöhle und ich stand auf, um den anderen mitzuteilen, dass die Zelte alle durchweichen. Glücklicherweise schlug der Sohn des Bauer vor, dass wir auch im Haus schlafen könnten. Ich nahm dieses Angebot gerne an. So konnte ich doch einigermaßen gut schlafen. Geweckt wurde ich, als der Großteil der Gruppe gegen 2 Uhr, deutlich angetrunken, ebenfalls die Trockenheit dieses Raumes aufsuchte.
2. Tag (Sonntag, 07.11.2010)
Nach einer ab diesem Zeitpunkt an nicht mehr ganz so entspannten Nacht, wachte ich gegen 7 Uhr auf. Es schien, dass die anderen am Vorabend eine wahre Sauforgie zelebriert hatten. Drei Schnapsleichen waren über den Garten verteilt.
Nach einem Frühstück, das uns wieder die Bauersfrau zubereitet hatte, verließen wir das Bauernhaus. Ich hatte ihr und ihrem Mann gegenüber ein schlechtes Gewissen. Wir hinterließen das Bild von Stadtjugendlichen, die sich umsonst und recht aufdringlich bei armen Leuten einquartierten, zum Spottpreis von 2 Soles pro Person Abends und Morgens bekocht werden wollten und die Nacht zu einer lauten Sauforgie verwandelt hatten. Dies war wirklich nicht das Ziel meiner Reise. Ich wollte mit der Landbevölkerung in Kontakt kommen und nicht eventuell deren Vorurteile gegenüber der (reichen) Stadtjugend noch verstärken.

Mit dem Bus ging es die 45 Minuten zurück nach Huánuco. Ich ging mit Leonie noch ein bisschen durch die Stadt, unter anderem zu einem Aussichtspunkt auf einem Berg, was sich auf meiner Reise noch zu einem regelmäßigen Ritual entwickeln sollte, und aß mein obligatorisches 3 Sol 50 Menü.


Gegen 3 Uhr Nachmittags ging es mit dem Bus nach Cerro de Pasco. Von Huánuco, das immerhin bereits auf knapp 1900 Meter Höhe liegt, ging immer weiter bergauf bis auf 4300 Meter. Ich kam in der Abenddämmerung in Cerro de Pasco, einer der höchsten Städte der Welt, an. Die Temperatur befand sich nahe am Gefrierpunkt und die Stadt wirkte wie ausgestorben, das es fast keine, zumindest keine angeschalteten Straßenlaternen gab. Ich suchte mir schnell ein Hostel und fand nach kurzer Zeit auch ein günstiges Zimmer mit Kabelfernsehen. Der Fernseher stellte sich an diesem und den folgenden Abenden als eine gute Investition heraus. Immerhin können vor allem in solch rauen Regionen die kalten Abende recht einsam werden. Im Laufe des Abends musste ich noch feststellen, dass leider ein Großteil meine Klamotten in meinem Rucksack nass geworden ist – Shit Happens – und es war eine Mühsame Arbeit, diese wieder trocken zu bekommen. Außerdem musste ich feststellen, dass an der Stelle einer Dusche um Gemeinschaftsbad des Hostels nur ein mit eiskaltem Wasser gefülltes Fass stand. Das duschen viel dann recht sporadisch und schnell aus. Immerhin ging ich mit einem sauberen Gefühl und ohne Probleme mit der Höhe, was mich ehrlich gesagt ziemlich überrascht hat, hatte ich doch mit Christian vor einem Jahr auf 4500 Meter Höhe eine wahre Horrornacht verbringen müssen, gegen 8 Uhr ins Bett und verbrachte eine zwar kalte, jedoch sehr erholsame Nacht.
3. Tag (Montag, 08.11.2010)
Bereits früh zog es mich raus. Ich wollte Cerro de Pasco kennenlernen. Eingepackt in Pullover, lange Jeans und meinen Trekkingjacke kaufte ich mir zunächst eine Mütze. Bereits von dem bunten Markt aus sah ich einen kleinen Gipfel, den ich kurz entschlossen entschied zu besteigen. Es ging zunächst durch eines der typischen Wohnviertel, die sich in fast allen südamerikanischen Städten an den Berghängen entlangziehen, und dann querfeldein immer weiter Bergauf. Auf dem Gipfel angekommen zeigte mein GPS eine Höhe von 4456 Meter an. Dies war meine erste Vorbereitung für die geplante 6000er Besteigung mit Konsti, der in Lima sein weltwärts Jahr verbringt. Der Blick auf die Stadt war beeindruckend. In der Ferne zeichneten sich schnee- und eisbedeckte Andengipfel vom strahlenden Blau des Himmels ab und mitten in der Stadt konnte ich von oben den Grund meiner Reise in diese Stadt, die sonst kaum einen Touristen anlockt, zum ersten mal erkennen. Ein riesiges Loch klafft mitten in der Stadt. Die Firma „Volcan“ baut hier hauptsächlich Blei und Zink ab.



Ich stieg wieder in das Zentrum der Stadt ab und fuhr mit einem Bus zum Eingang der Mine. Am gut bewachten Eingang bat ich um Eintritt und einer Führung durch die Mine. Ich ging ehrlich gesagt nicht davon aus, dass dies überhaupt möglich war, doch, sicherlich auch auf Grund meines Gringo-Bonus, nahm sich ein Mitarbeiter Zeit für mich. Allerdings kam er nur um mir zu erzählen, dass man vor der Besichtigung der Mine eine Bewerbung schreiben und einen zweitägigen Gesundheitscheck und Sicherheitsworkshop durchlaufen müsse. Mein Plan, die Mine von innen zu betrachten wurde somit leider nichts, doch auch von außen boten sich beeindruckende Bilder. Mir vielen beim Umlaufen des riesigen Loches immer wieder die Schilder „Propiedad Privada – privates Eigentum“ mit dem Logo von Volcan mitten in den Wohnvierteln auf. Ich fragte einen Peruaner, was das zu bedeuten hatte. Die einfache Erklärung dafür ist, dass Volcan die Wohnviertel aufkauft, da sich die Mine immer weiter vergrößert und somit immer mehr Häuser in ihr verschwinden. Die Menschen müssen sich ihrem Schicksal hingeben und siedeln sich an den Berghängen in den Randgebieten der Stadt an. Es gibt Pläne von der Peruanischen Regierung, die Stadt Cerro de Pasco umzusiedeln. Ob das jemals passieren wird, ist allerdings sehr fragwürdig. Es fehlt an Geld und die Tatsache, dass die Stadt Cerro de Pasco eigentlich nur wegen der Mine existiert unterstreichen die Absurdität dieses Planes.


Nach einem leckeren Mittagessen – Ceviche und gebratene Forelle – hielt ich erst einmal einen einstündigen Mittagsschlaf. Ich merkte nun doch ein wenig, dass ich mich auf 4300 Metern über dem Meeresspiegel befand.
Nachmittags fuhr ich mit einem Sammeltaxi zum „Bosque de Piedras – Wald aus Stein“. Ich war die einzige Person, die sich diese touristische Attraktion der Region anschaute. Das Kassenhäuschen war nicht besetzt und so ging ich mit Hilfe meines GPS Gerätes einfach drauf los. Die folgende Stunde bot schöne Ausblicke. Ich ging querfeldein an teilweise beeindruckenden Abgründen vorbei und hatte mit den Anstrengungen des bergauf Gehens in diesen Höhen zu kämpfen.

Zurück nach Cerro de Pasco bin ich getrampt. Ich unterhielt mich mit dem Fahrer und seiner Begleiterin und war froh, dass ich den Hagelschauer aus der trockenen und warmen Fahrerkabine des LKW´s betrachten konnte. Zurück in Cerro de Pasco begann es bereits zu dämmern. Ich ging noch ein bisschen durch die Stadt, ging ins Internetcafé und aß einen Hamburger. Als ich mich völlig erschöpft in mein Bett legte, fingen mit einem Mal meine Beine extrem an zu schmerzen. Ich hatte sie wohl in dieser Höhe an dem heutigen Tag zu sehr belastet. Ich verbrachte 3 schlaflose Stunden in meinem kalten Bett, durchblätterte meinen Reiseführer nach Symptomen der Höhenkrankheit und war auch nicht sonderlich beruhigt, als ich Thrombose las und entschied dann um Mitternacht, eine Schmerztablette einzuschmeißen. Zum Glück wirkte sie und ich konnte endlich schlafen.
4. Tag (Dienstag, 09.11.2010)
Die Nacht hatte mich ziemlich geschlaucht. Zu den Beinschmerzen kam noch eine kleine Magenverstimmung – vielleicht war Ceviche in Cerro de Pasco doch keine so gute Idee, obwohl es ausgesprochen lecker war – und ich brauchte an diesem morgen sehr lange, um aus den Federn zu kommen. Ich packte in Schneckentempo meinen Rucksack und ging schließlich am frühen Mittag zum Busterminal. Die nächsten 3 Stunden nach La Oroya konnte ich mich im geräumigen Bus ein wenig entspannen.
La Oroya versprach laut Internetartikeln ein ganz besonderes Erlebnis zu werden. Immerhin wird sie als eine der schmutzigsten Städte der Welt beschrieben und der Monte Meiggs, der 5000er, den ich von dort aus besteigen wollte, stellte, im wahrsten Sinne des Wortes den Höhepunkt meiner Reise dar.
Was mir nicht bewusst war, ist, dass das für die Verschmutzung dieser Stadt verantwortliche Metallschmelzwerk der US Amerikanischen Firma Doe Run seit eineinhalb Jahren geschlossen ist. Es werden momentan keine giftigen Gase mehr durch den beeindruckenden Schornstein in die Atmosphäre gepustet und das Flusswasser wird nicht mehr mit Giftstoffen verseucht. Ich erlebte La Oroya ganz im Gegenteil recht geordnet und aufgeräumt. Was die Vergangenheit jedoch hinterlässt sind 98% Prozent der Kinder mit Bleiwerten im Blut, die die Grenzwerte um ein weites übersteigen. Außerdem hinterlässt Doe Run eine tote Stadt. In La Oroya konzentrierte sich fast alles, ähnlich wie in Cerro de Pasco, auf dieses eine Unternehmen. Heute hat die Stadt eigentlich nur noch als innerperuanischer Verkehrsknotenpunkt eine Bedeutung.
Ich machte heute nur einen kleinen Rundgang durch die Stadt. Ich ließ den Tag ruhig angehen, um erstens die Magenverstimmung auszukurieren und mich zweitens auf den morgigen Gipfelsturm vorzubereiten. Abends schaute ich wie an den Tagen zuvor Fernsehen und begab mich bereits um 9 Uhr in das Reich der Träume.


5. Tag (Mittwoch, 10.11.2010)
Der heutige Tag versprach spannend zu werden. Mein Wecker klingelte um 6 Uhr. Ich machte mich bereit für eine anstrengende Bergbesteigung. Der Himmel war wolkenverhangen und ich musste ein wenig bangen. Wenn der Gipfel von Wolken umgeben wäre, würde ich ihn heute nicht besteigen können. Ich fuhr trotzdem mit einem Sammeltaxi zum Anticona Pass, der sich auf 4818 Metern über dem Meeresspiegel an Gletschern vorbei über die Anden windet. Mit Erleichterung konnte ich feststellen, dass der Monte Meiggs komplett wolkenfrei war. Ich wollte das Abenteuer anpacken. Zwar hatte ich schon letztes Jahr in Bolivien einen 5000er bestiegen, doch dort hatte uns ein Auto bereits auf 5300 Meter Höhe gebracht und die letzten Meter zum Gipfel lassen sich eigentlich nicht als richtiges Bergsteigen bezeichnen. Ich sah diesen Berg also als meinen ersten richtigen 5000er an. Nachdem ich mit einem Posten der Minengesellschaft Volcan abgemacht hatte, dass ich in einem Notfall mit meiner Taschenlampe Lichtzeichen geben würde, packte ich den nicht schwierigen, aber sehr anstrengenden Aufstieg an. Ich brauchte eine Stunde um den knapp 5100 Meter hohen Gipfel zu erreichen. Oben angekommen musste ich feststellen, dass sich innerhalb von wenigen Augenblicken der ganze Himmel zugezogen hatte. Ich konnte nur noch 10 Meter weit blicken und bekam es mit der Angst zu tun. Dazu kam noch ein eisiger Wind und Schnee, der mir in meinem Gesicht brannte. Glücklicher Weise hatte mein GPS Gerät meine Aufstiegsroute mit gezeichnet, und ich war froh, dass ich mich nach ihm richten konnte. Ich war insgesamt nur etwa 2 Minuten auf dem Gipfel, machte das obligatorische Gipfelfoto und wollte schnellst möglich, bevor das Wetter weiter verschlechtert, wieder nach Unten.



Erleichtert konnte ich feststellen, dass das Wetter wieder aufklarte. Es was wohl wirklich nur eine Wolke, die den Gipfel wenige Minuten eingehüllt hatte. Trotzdem stieg ich in einem Affentempo den Monte Meiggs herab. Nach einer halben Stunde kam ich wieder bei dem Posten an. Der Mitarbeiter wollte mir erst nachdem ich ihm mein Gipfelfoto gezeigt hatte glauben, dass ich wirklich ganz oben war. Ich war ganz schön erledigt, doch dieses Abenteuer werde ich in meinem Leben nie vergessen. Ich fühle, dass ich mit dem richtigen Training den 6000er schaffen kann.
Um Zurück nach La Oroya zu kommen stellte ich mich mit ausgestrecktem Daumen an die Straße. Nach kurzer Zeit hielt ein Geländewagen an. Der etwa 65 jährige Fahrer sah verdächtig nach Gringo aus, doch ich wechselte erst ein paar Worte auf Spanisch mit ihm. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass er Deutscher war. Er war seit den 70er Jahren als Pfarrer hier in Peru tätig. Ich führte mit ihm ein höchst interessantes Gespräch über meine Rolle als Freiwilliger, über die Stadt La Oroya und über die deutschen Kolonien in den Ostanden. Es ist erstaunlich, wo man überall auf der Welt auf Deutsche treffen kann.
Zurück in La Oroya duschte ich mich, packte meine Sachen und aß mein Mittagsmenü. Es ging mit dem Sammeltaxi nach Tarma. Tarma liegt nur noch auf etwa 3000 Metern Höhe und hat schon ein deutlich milderes Klima als La Oroya und Cerro de Pasco. Das fruchtbare Tal um diese Stadt gilt als das Hauptanbaugebiet für Blumen für die Hauptstadt. Die Innenstadt ist hauptsächlich im Kolonialstil gebaut. Mein Hostel mit Holzfußboden und hohen Decken hatte einen wunderschönen Patio und generell habe ich mich hier sehr wohl gefühlt. Tarma ist wirklich sehr schön und meiner Meinung nach eine echte Alternative zu Cusco. Zwar gibt es hier kein Machu Picchu, doch die Umgebung hat vor allem landschaftlich auch ihre Reize. Ich machte meinen Stadtrundgang und ging auf der Suche nach einem guten Ausblick wieder die Wohnviertel hinauf.

Früh am Abend ging ich bereits ins Hostel, weil ich die Strapazen des 5000ers noch deutlich in meinen Knochen und Muskeln spürte.
Als ich gerade noch einmal schnell auf der Straße eine Kleinigkeit essen wollte, kamen drei Holländer in das Hostel hereinspaziert. Es waren 2 Männer und eine Frau, etwa 35 Jahre alt, die auf den Spuren Che Guevara´s mit ihren Motorrädern in Südamerika unterwegs waren. Ich konnte es kaum fassen, dass ich hier Holländer traf. Ich schlug noch vor ein Bier zu trinken, doch sie schienen sehr gestresst, da eines ihrer Motorräder kaputt war und sie die Weiterreise bis nach Puallpa organisieren mussten. Ich ging also ohne ein Bier in Gesellschaft wieder früh schlafen und verbrachte eine erholsame, nicht kalte Nacht.
6. Tag (Donnerstag, 11.11.2010)
Ich traf die Holländer am nächsten Morgen noch einmal kurz auf der Straße, als ich gerade von eine Fototour und meine Frühstück zurück kam. Die Zeit reichte allerdings nur noch für eine kurze Verabschiedung, weil ich weiter nach La Merced wollte. Ich war also ein wenig traurig, dass ich keine Möglichkeit hatte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, denn immerhin fand ich ihre Reise höchst interessant.
Es ging wieder mit einem Sammeltaxi nach La Merced. Die Strecke in diese Stadt, die nur noch auf 700 Metern Höhe bereits in tropischer Vegetation liegt war atemberaubend. Innerhalb von eineinhalb Stunden veränderte sich die Landschaft komplett. Wir fuhren an hunderten von Metern hohen Wasserfällen vorbei, immer Nahe am Abgrund und von immer grüner und dichter werdenden Vegetation umgeben. Ich musste an die Holländer denken, denn die Straße schrie förmlich danach, mit dem Motorrad befahren zu werden. Sie hatten sich jedoch für eine andere Route entschieden.


Angekommen in La Merced suchte ich mir erst mal wieder eine Unterkunft. Danach ging ich durch die Stadt und wäre fast, wie es mir beinahe auch schon in Tarma passiert war, eine eine Touristenfalle hereingefallen. Ich hätte beinahe an einer geführten Tour teilgenommen, bin im Nachhinein aber heilfroh, dass der Verstand gesiegt hat. Alles was dir eine Touristenagentur in Peru anbietet, kannst du auch auf eigene Faust und somit billiger und näher an der Bevölkerung durchziehen. Ich besuchte in La Merced eine alte Hängebrücke und einen Wasserfall, der den Namen „Catarata Tirol“ trägt. Der deutsche Einfluss in dieser Region Perus ist unübersehbar. Nach einer Mittagspause und einem abgesessenen Regenschauer ging ich mal wieder einen Berg hoch, um vom Aussichtspunkt die Stadt von Oben zu fotografieren.



Anschließen wollte ich ein wenig durch die Stadt schlendern, da höre ich auf der Plaza de Armas irgend jemanden nach mir rufen. Wer das war kann man sich ja schon fast denken. Bei einem Glas Bier erzählten mir die Holländer alles das, was mich am Vorabend so sehr interessiert hatte. Sie waren schon seit zwei Monaten unterwegs, und wollten bis nach Kolumbien kommen. Sie waren wirklich sehr cool drauf und wir hatten viel Spaß. Wir tauschten Handynummern aus und verblieben dabei, dass sie sich angekommen in Pucallpa bei mir melden sollen.
Im Anschluss ging ich noch eine halbe Stunde ins Internetcafé und dann auf den Markt um zu Abend zu essen. Hier traf ich Victor, einen Mitarbeiter der peruanischen Telefongesellschaft, der hier in der Selva Central zu arbeiten hatte. Ich musste mal wieder den Grund meines Aufenthaltes in Peru erzählen, was mich zuerst etwas nervte, da ich die gleiche Geschichte in den letzten Tagen bereits geschätzte 1000 Mal erzählt habe. Es entwickelte sich daraus aber ein nettes Gespräch und wir tauschten letztendlich Handynummern aus. Anschließend viel ich müde in mein Bett und schlief trotz Fernseher sofort ein.
7. Tag (Freitag, 12.11.2010)
Schon gestern Abend hatte ich mich auf ein leckeres Frühstück auf dem Markt gefreut. Auf dem Weg dorthin traf ich, wie konnte es auch anders sein, noch ein letztes mal die Holländer. Angekommen auf dem Markt blieb mir gar nichts übrig, als bei diesem Überangebot mir den Magen mit Essen voll zu schlagen. Nachdem ich nach einem Ananas-Papaya Saft, einer Empanada, einem Hühnchen Sandwich und einem großen Stück Schokoladen-Kokos Kuchen bereits bis oben hin vollgestopft war, entdeckte ich noch einen Verkäufer, der drei Ananas für einen Sol, also umgerechnet 30 Cent verkaufte. Da musste ich einfach zuschlagen. So stopfte ich noch eine Ananas in mich hinein. Ich hatte wirklich Bauchschmerzen, doch diese hatte ich mir ja selber eingebrockt.
Es ging heute mit dem Sammeltaxi nach Villa Rica. Nach eineinhalb Stunden auf überwiegend Staubpiste kam ich Mittags in der Kaffeehauptstadt Perus auf 1600 Meter an. Ich wurde von Erik und Bettina, zwei DED Weltwärtslern abgeholt und habe mit ihnen zusammen zu Mittag gegessen und bin mit Erik zu einem sehr schönen See gelaufen. Da die beiden Nachmittags wieder Arbeiten mussten, hatte ich ein wenig Zeit mich zu entspannen. Ich schlenderte durch Villa Rica, fuhr das letzte Mal zu einem Aussichtspunkt und schoss einige Fotos.


Abends stürzten wir uns dann in das Nachtleben von Villa Rica – schließlich galt es Bettinas Geburtstag nachzufeiern (sie wurde gestern 20). In einer urigen Bar nahmen wir ein paar Drinks zu uns, bis wir dann in die einzige Disco dieser Kleinststadt gingen. Zunächst war in dem schwarzen Loch nichts los. Doch langsam füllte sich der Laden ein wenig und wir hatten einen wirklich sehr netten und lustigen Abend.
Gegen 2 Uhr lag ich dann im Bett und hatte somit genau 4 Stunden Zeit zum schlafen, weil um 6 Uhr mein Wecker klingeln würde.
8. Tag (Samstag 13.11.2010)
Um 6 Uhr wurde ich so also aus meinem tiefen Schlaf gerissen und musste schnell meine Sachen packen. Nach kurzem Abschied von Erik und Bettina, die zwei wollten verständlicher Weise noch weiterschlafen, ging ich zu dem Abfahrtsort der Autos und Busse. Ich hatte mir bereits gestern ein Ticket für die Ladefläche eines Pickups gekauft. Ich erwartete eine ziemlich abenteuerliche Fahrt. Der Pickup würde mich zunächst bis Ciudad Conception bringen, von wo ich mir dann ein anderes Verkehrsmittel bis Pucallpa suchen müsste. Als ich wartend auf den Pickup sah, dass große Busse bis nach Pucallpa in Villa Rica vorbeifuhren, war ich ein bisschen verärgert, dass mir das vorher niemand gesagt hatte. Der Grund dafür war aber, dass die Hauptroute von Lima nach Pucallpa von den Cocabauern blockiert war und somit die Busse über diese Nebenstrecke, die noch gut befahrbar war – in wenigen Wochen wird die Regenzeit sie in eine Schlammpiste verwandeln – umgeleitet wurde.
Ich hatte aber bereits mein Ticket für den Pickup gekauft und wollte die nicht verfallen lassen. So ging es dann gegen 7 Uhr endlich los. Die Fahrt war sehr ruppig, staubig und die Abgase schienen immer genau in meine Nase zu ziehen. Nach etwa eineinhalb Stunden fahrt holten wir dann die Busse nach Pucallpa, es waren 6 an der Zahl, ein. Ich entschied kurzentschlossen umzusteigen. So hatte ich zwar für eine Teilstrecke zwei mal den Fahrpreis bezahlt, doch das war es mir in diesem Moment angesichts eines bequemen und geräumigen Bussitzplatzes wert.
Die Busfahrt wurde zu einem reinsten Abenteuer. Die einspurige Staubpiste ist eigentlich nicht für solch große Fahrzeuge ausgelegt. Der Bus musste mit äußerster Vorsicht durch die engen Kurven manövrieren. Sehr oft setzte sein Hinterteil auf dem Boden auf und bei Ausschwenken wurde auch mal eine Felswand mitgenommen. Drei mal mussten alle Passagiere aussteigen. Einmal, weil der Bus aufgesetzt war, einmal hatte sich das Trittbrett der Eingangstreppe nach der Kollision mit einem Stein im Reifen verhakt und einmal musste eine nicht gerade sehr vertrauenerweckende Holzbrücke ohne Passagier überfahren werden. Insgesamt war diese 14 Stündige Busfahrt aber ein tolles Erlebnis. Die Landschaft des Ostabhanges der Anden ist einfach nur einzigartig schön.

Ich kam gegen 9 Uhr Abends wieder in Pucallpa an.
Meine Reise hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Ich hatte tolle Begegnungen mit den Menschen und ihrem Land, habe unvergessliche Abenteuer erlebt und meine Fotogalerie ist um einiges reicher geworden. Das alleine Reisen hat mir sehr viel Spaß gebracht, wobei ich auch sagen muss, dass ich mich das ein oder andere Mal etwas einsam Gefühlt habe und es auch sehr schön ist, wenn man so unvergessliche Erlebnisse mit jemandem teilen kann.