Unterbeschäftigung und Langeweile prägten seit dem Rucksackklau meine Zeit als Weltwärtsfreiwilliger bei AIDER. Ich hatte und habe im Büro einfach nichts zu tun. Der Alltag sieht dann wie folgt aus: Ich komme um 8:30 ins Büro und bin so lange ich meine privaten Angelegenheiten (E-Mails, Fußballergebnisse usw.) noch einigermaßen gut gelaunt. Wenn ich dies jedoch erledigt habe, sinkt meine Stimmungskurve bis zur Mittagspause rapide ab. Ich gehe meist völlig genervt zum Mittagessen und fahre anschließend nach Hause, um mich bei einem Mittagsschlaf in meiner Hängematte ein wenig ab zu reagieren. Zurück im Büro gehe ich die Morgenprozedur ein zweites Mal durch und warte ab etwa 4 Uhr sehnsüchtig auf den Feierabend. Dass diese Situation einen nicht sonderlich befriedigt, kann sich jeder vorstellen. So bin ich in der letzten Zeit immer tiefer in ein Loch hinein gefallen. Ich konnte mich immer weniger aufraffen etwas zu tun und meine Motivationskurve ging in den negativen Bereich. Der geklaute Rucksack verstärkte dies natürlich noch.
Ich weiß selber, dass ich persönlich für den Erfolg oder Misserfolg meines Jahres bei AIDER verantwortlich bin. Den anfänglichen Irrtum, dass hier jemand mit vorbereiteten Aufgaben auf mich wartet, habe ich längst als solchen identifiziert und ich bin mir bewusst, dass welwärts nicht garantiert ein tolles Jahr sein muss. Doch es fiel mir besonders in letzter Zeit sehr schwer, mich aus meiner Lethargie zu erheben und mir eine Aufgabe zu suchen. Die bei dem Vorbereitungsseminar gepredigte „Proaktivität“ ist, befindet man sich in einer Situation wie ich momentan, wirklich eine schweres Unterfangen.
Letzten Montag also erreichte diese Situation ihren Höchst- beziehungsweise Tiefstpunkt. Zu den Problemen auf der Arbeit kam noch ein Streit mit unserer Vermieterin . Wir haben nun einen 2 seitigen Regelkatalog und werden, wenn wir diesen nicht beachten, rausgeschmissen. Dafür sind wir aber selber verantwortlich, denn wir haben uns teilweise nicht korrekt verhalten. Ich floh also um 10 Uhr aus dem Büro ins Fitness Studio und ließ meine Aggressionen ab. Nachmittags im Büro auf der Suche nach einer Aufgabe für das nächste Jahr wurden mir alle Vorurteile, die ich in der letzten Zeit gegen AIDER entwickelt habe, bestätigt, und so wurde ich richtig rasend. Manuel versuchte mich zu beschwichtigen, was aber zunächst nichts half. Er erzählte mir etwas von Kartoffelklößen und Fettaugen. Ich sei ein Kartoffelkloß, der am Boden des Topfes liegt und nicht nach oben kommt. Um meine Situation zu verbessern müsste ich ein Fettauge, dass oben auf der Suppe schwimmt, werden. Komische Geschichte dachte ich, aber irgendwie wahr. Ich bin wirklich in ein tiefes Loch hinein gefallen und muss nun versuchen, dort irgendwie wieder heraus zu kommen.
Ich ging nach Hause und dachte nach. Ich musste wirklich etwas ändern, weil so konnte es nicht weitergehen.
Am nächsten Tag ging ich mit etwas Motivation getankt ins Büro. Ich machte mir eine To-Do-Liste und erledigte viele Sachen, wenn auch größtenteils private, die ich in den letzten Tagen und Wochen vor mir her geschoben hatte. Außerdem versuchte ich, mir eine Planung für das erste Quartal 2010 zu erstellen. Ich redete mit einem Mitarbeiter, Alejandro, der ein neues Projekt, das sich der Produktion von Naturlatex widmet, ins Leben gerufen hat. Ich kann, so sagte er, ab Januar bei ihm mitarbeiten, mit ihm in den Wald gehen und in Comunidades fahren. Das hörte sich alles recht interessant an und meine Motivation begann langsam wieder in positive Bereiche zu kommen. Abends dann aber wieder ein Rückschlag. Ich wollte mit einer Kollegin meine Planung absprechen und sie meinte, dass sie es lieber würde, wenn ich einem anderen Projekt, Nachhaltige Waldwirtschaft in drei (neuen) Comunidades, mitarbeiten würde. Ich fragte mich, warum sie mir das nicht früher gesagt hatte. Seit Wochen vegetiere ich im Büro vor mir hin, keine hat eine Aufgabe für mich, und nun nehme ich das Ruder in die Hand, organisiere mich selber, und dann kommt jemand an und sagt mir, er hätte sich für mich etwas anderes überlegt. Wieder einmal war ich von AIDER genervt. Zum Glück hatte ich für den Abend ein Skype-Date mit Merle vereinbart. Sie ist weltwärts in Ecuador und es war sehr schön mal wieder, nach über 4 Monaten, mit ihr zu reden und unsere Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen.
Nun ist bereits der letzte Tag vor den Weihnachtsferien. Ich habe vorgestern mit meinem Chef, Pio, geredet und er hat mir gesagt, dass ich für mich selber entscheiden kann, in welchem der beiden Projekte ich mitarbeiten möchte. Das hat mich wieder einen Schritt nach vorne gebracht. Ich werde mit einer Entscheidung aus den Ferien zurück kommen, um dann ab Januar eine hoffentlich interessantere und erfüllendere Arbeit zu haben. Ich weiß aber auch, dass mein Glück bei mir liegt. Ich muss den Leuten hinterherlaufen, denn die letzten Monate haben gezeigt, dass es hier bei AIDER nicht anders herum ist. So hoffe ich, dass ich von dem Kartoffelkloß zum Fettauge werde, dass ich aus meinem Loch und meiner Unmotiviertheit ausbrechen kann, um mein Weltwärtsjahr noch zu einem Erfolg zu machen.
Doch nun werde ich für ein paar Tage erst einmal nicht an die Arbeit denken. Gleich gibt es hier im Büro gemeinsames Weihnachtsessen mit anschließendem Geschenkeaustauschen. Bei dem kollektiven Biertrinken werde ich wohl aber nicht mehr dabei sein, denn ich habe mir dummerweise eine Mittelohrentzündung eingefangen. Ich will aber nicht klagen, denn das einzige, was mir im Moment helfen kann, ist positiv in die Zukunft zu blicken. Und diese sieht für die nächsten zwei Wochen rosig aus. Es geht mit dem Bus nach Tarapoto. Danach über Moyobamba nach Chachapoyas zu den Ruinen von Kueláp und der Catarata Gocta, dem dritthöchsten Wasserfall der Erde, und wieder zurück nach Moyobamba, um mit anderen Freiwilligen, unter anderem meinen Mitbewohnern aus Pucallpa und Bettina aus Villarica, Weihnachten zu feiern. Danach fahren wir nach Máncora, dem meist frequentierten Badeort Perus, um Sylvester im T-Shirt und bei 30 Grad am Meer zu feiern. Wenn ich Glück habe, dann gibt mein Chef uns bis zum 10.01. frei. In diesem Fall würde ich noch bis Quito fahren, um Merle zu besuchen.
Dies wird wahrscheinlich mein letzter Eintrag im Jahr 2010 sein. Ich habe bis jetzt tolle Erlebnisse in Peru gehabt, habe vieles kennenlernen und sehen dürfen und wurde, dank AIDER, in neue Kulturen eingeführt. Es gab auch Rückschläge, der geklaute Rucksack, und die letzte Zeit war, wie beschrieben, nicht immer einfach. Doch ich ziehe ganz bewusst eine positive Bilanz von dem ersten Drittel meines Weltwärtsjahres. Schlechte Erfahrungen gehören einfach mit dazu und meine Arbeitssituation zeigt mir, wie ich mich in Zukunft, auch in Deutschland, anders verhalten kann. Ich blicke frohen Mutes in das neue Jahr 2011.