Ist das das Paradies oder doch nur Peru?

Hallo liebe Leser. Vielen Dank für euer Interesse an, und eure Kommentare zu meinem Blog! Ich grüße euch aus Pucallpa!

Freitag, 17. Dezember 2010

Von Kartoffelklößen und Fettaugen

Unterbeschäftigung und Langeweile prägten seit dem Rucksackklau meine Zeit als Weltwärtsfreiwilliger bei AIDER. Ich hatte und habe im Büro einfach nichts zu tun. Der Alltag sieht dann wie folgt aus: Ich komme um 8:30 ins Büro und bin so lange ich meine privaten Angelegenheiten (E-Mails, Fußballergebnisse usw.) noch einigermaßen gut gelaunt. Wenn ich dies jedoch erledigt habe, sinkt meine Stimmungskurve bis zur Mittagspause rapide ab. Ich gehe meist völlig genervt zum Mittagessen und fahre anschließend nach Hause, um mich bei einem Mittagsschlaf in meiner Hängematte ein wenig ab zu reagieren. Zurück im Büro gehe ich die Morgenprozedur ein zweites Mal durch und warte ab etwa 4 Uhr sehnsüchtig auf den Feierabend. Dass diese Situation einen nicht sonderlich befriedigt, kann sich jeder vorstellen. So bin ich in der letzten Zeit immer tiefer in ein Loch hinein gefallen. Ich konnte mich immer weniger aufraffen etwas zu tun und meine Motivationskurve ging in den negativen Bereich. Der geklaute Rucksack verstärkte dies natürlich noch.

Ich weiß selber, dass ich persönlich für den Erfolg oder Misserfolg meines Jahres bei AIDER verantwortlich bin. Den anfänglichen Irrtum, dass hier jemand mit vorbereiteten Aufgaben auf mich wartet, habe ich längst als solchen identifiziert und ich bin mir bewusst, dass welwärts nicht garantiert ein tolles Jahr sein muss. Doch es fiel mir besonders in letzter Zeit sehr schwer, mich aus meiner Lethargie zu erheben und mir eine Aufgabe zu suchen. Die bei dem Vorbereitungsseminar gepredigte „Proaktivität“ ist, befindet man sich in einer Situation wie ich momentan, wirklich eine schweres Unterfangen.

Letzten Montag also erreichte diese Situation ihren Höchst- beziehungsweise Tiefstpunkt. Zu den Problemen auf der Arbeit kam noch ein Streit mit unserer Vermieterin . Wir haben nun einen 2 seitigen Regelkatalog und werden, wenn wir diesen nicht beachten, rausgeschmissen. Dafür sind wir aber selber verantwortlich, denn wir haben uns teilweise nicht korrekt verhalten. Ich floh also um 10 Uhr aus dem Büro ins Fitness Studio und ließ meine Aggressionen ab. Nachmittags im Büro auf der Suche nach einer Aufgabe für das nächste Jahr wurden mir alle Vorurteile, die ich in der letzten Zeit gegen AIDER entwickelt habe, bestätigt, und so wurde ich richtig rasend. Manuel versuchte mich zu beschwichtigen, was aber zunächst nichts half. Er erzählte mir etwas von Kartoffelklößen und Fettaugen. Ich sei ein Kartoffelkloß, der am Boden des Topfes liegt und nicht nach oben kommt. Um meine Situation zu verbessern müsste ich ein Fettauge, dass oben auf der Suppe schwimmt, werden. Komische Geschichte dachte ich, aber irgendwie wahr. Ich bin wirklich in ein tiefes Loch hinein gefallen und muss nun versuchen, dort irgendwie wieder heraus zu kommen.

Ich ging nach Hause und dachte nach. Ich musste wirklich etwas ändern, weil so konnte es nicht weitergehen.

Am nächsten Tag ging ich mit etwas Motivation getankt ins Büro. Ich machte mir eine To-Do-Liste und erledigte viele Sachen, wenn auch größtenteils private, die ich in den letzten Tagen und Wochen vor mir her geschoben hatte. Außerdem versuchte ich, mir eine Planung für das erste Quartal 2010 zu erstellen. Ich redete mit einem Mitarbeiter, Alejandro, der ein neues Projekt, das sich der Produktion von Naturlatex widmet, ins Leben gerufen hat. Ich kann, so sagte er, ab Januar bei ihm mitarbeiten, mit ihm in den Wald gehen und in Comunidades fahren. Das hörte sich alles recht interessant an und meine Motivation begann langsam wieder in positive Bereiche zu kommen. Abends dann aber wieder ein Rückschlag. Ich wollte mit einer Kollegin meine Planung absprechen und sie meinte, dass sie es lieber würde, wenn ich einem anderen Projekt, Nachhaltige Waldwirtschaft in drei (neuen) Comunidades, mitarbeiten würde. Ich fragte mich, warum sie mir das nicht früher gesagt hatte. Seit Wochen vegetiere ich im Büro vor mir hin, keine hat eine Aufgabe für mich, und nun nehme ich das Ruder in die Hand, organisiere mich selber, und dann kommt jemand an und sagt mir, er hätte sich für mich etwas anderes überlegt. Wieder einmal war ich von AIDER genervt. Zum Glück hatte ich für den Abend ein Skype-Date mit Merle vereinbart. Sie ist weltwärts in Ecuador und es war sehr schön mal wieder, nach über 4 Monaten, mit ihr zu reden und unsere Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen.


Nun ist bereits der letzte Tag vor den Weihnachtsferien. Ich habe vorgestern mit meinem Chef, Pio, geredet und er hat mir gesagt, dass ich für mich selber entscheiden kann, in welchem der beiden Projekte ich mitarbeiten möchte. Das hat mich wieder einen Schritt nach vorne gebracht. Ich werde mit einer Entscheidung aus den Ferien zurück kommen, um dann ab Januar eine hoffentlich interessantere und erfüllendere Arbeit zu haben. Ich weiß aber auch, dass mein Glück bei mir liegt. Ich muss den Leuten hinterherlaufen, denn die letzten Monate haben gezeigt, dass es hier bei AIDER nicht anders herum ist. So hoffe ich, dass ich von dem Kartoffelkloß zum Fettauge werde, dass ich aus meinem Loch und meiner Unmotiviertheit ausbrechen kann, um mein Weltwärtsjahr noch zu einem Erfolg zu machen.


Doch nun werde ich für ein paar Tage erst einmal nicht an die Arbeit denken. Gleich gibt es hier im Büro gemeinsames Weihnachtsessen mit anschließendem Geschenkeaustauschen. Bei dem kollektiven Biertrinken werde ich wohl aber nicht mehr dabei sein, denn ich habe mir dummerweise eine Mittelohrentzündung eingefangen. Ich will aber nicht klagen, denn das einzige, was mir im Moment helfen kann, ist positiv in die Zukunft zu blicken. Und diese sieht für die nächsten zwei Wochen rosig aus. Es geht mit dem Bus nach Tarapoto. Danach über Moyobamba nach Chachapoyas zu den Ruinen von Kueláp und der Catarata Gocta, dem dritthöchsten Wasserfall der Erde, und wieder zurück nach Moyobamba, um mit anderen Freiwilligen, unter anderem meinen Mitbewohnern aus Pucallpa und Bettina aus Villarica, Weihnachten zu feiern. Danach fahren wir nach Máncora, dem meist frequentierten Badeort Perus, um Sylvester im T-Shirt und bei 30 Grad am Meer zu feiern. Wenn ich Glück habe, dann gibt mein Chef uns bis zum 10.01. frei. In diesem Fall würde ich noch bis Quito fahren, um Merle zu besuchen.


Dies wird wahrscheinlich mein letzter Eintrag im Jahr 2010 sein. Ich habe bis jetzt tolle Erlebnisse in Peru gehabt, habe vieles kennenlernen und sehen dürfen und wurde, dank AIDER, in neue Kulturen eingeführt. Es gab auch Rückschläge, der geklaute Rucksack, und die letzte Zeit war, wie beschrieben, nicht immer einfach. Doch ich ziehe ganz bewusst eine positive Bilanz von dem ersten Drittel meines Weltwärtsjahres. Schlechte Erfahrungen gehören einfach mit dazu und meine Arbeitssituation zeigt mir, wie ich mich in Zukunft, auch in Deutschland, anders verhalten kann. Ich blicke frohen Mutes in das neue Jahr 2011.

Montag, 6. Dezember 2010

Die Geschichte eines gestohlenes Rucksacks

Nun ist es auch mir passiert. Ich wurde beklaut. Das ganze ist auf dem Flusscolectivo (Boot) nach Curiaca, die Comunidad, in der ich eigentlich die nächsten 2 Wochen verbringen wollte, passiert. Ich weiß, dass der Dieb meine eigene Dummheit bestraft hat. Der Rucksack hätte nicht geklaut werden müssen, wenn ich die Ratschläge, die mir von Kollegen gegeben wurden und dir mir sonst in meinem Leben schon oft über den Weg gelaufen sind, beachtet hätte. Man darf nicht in einem Land wie Peru in nur einer Tasche seine gesamten Wertsachen verstauen und man darf diese dann noch weniger unbeaufsichtigt lassen. Wenn dies dann auch noch nachts passiert, dann ist ein Diebstahl die logische Konsequenz. Wie ich trotzdem beide Fehler begehen konnte, weiß ich selber nicht genau, doch ich weiß, dass ich sie begangen habe und ich weiß auch, dass ich meine Kamera, mein GPS Gerät, meinen Geldbeutel mit 200 Soles (ca. 60 Euro) und meinem peruanischen Identifikationsdokument, mein Handy, meinen MP3 Player, meine Sonnenbrille, mein Taschenmesser, 3 Bücher, meinen Regenponcho und noch ein wenig Kleinkram nie wiedersehen werde. Da ich es vor meiner Ausreise nicht für nötig gehalten habe, eine Reisegepäckversicherung abzuschließen, werde ich auch auf diesem Weg keine Wiedergutmachung erhalten.

Wie das alles von Statten gegangen ist, werde ich nun ausführlich berichten. Am Mittwoch Nachmittag fuhr ich mit meinem Gepäck, der eben erwähnte Rucksack, ein größerer Rucksack mit Klamotten, Zelt und Schlafmatte, einem Sack mit Essen für 2 Wochen und einem 20 Liter Wasserkanister zum Hafen und bestieg das Boot "Willian Alfredo" (Das n ist kein Schreibfehler. In Peru werden Namen oft nach Gehör aufgeschrieben. So heißt hier Michael auch mal Maycol, Brian Brayan usw). Etwa um halb 4 lag ich in meiner Hängematte und wartete auf meinen Kollegen Hillario, der auch wenige Minuten später eintraf. Ich stellte meinen Rucksack auf eine Bank unter dem Fussende meiner Hängematte. Da ich noch einige Sms verschicken und mir etwas zu Essen kaufen wollte, holte ich mein Handy und meinen Geldbeutel aus dem Rucksack raus. Kurze Zeit später verstaute ich beides wieder im Rucksack und habe dabei gesehen, wie ein schlanker, großer, etwa 22 jähriger Peruaner mit einem blauen T-Shirt und lockigem Haar mich beobachtet hat. Eigentlich hätten hier schon die Alarmglocken läuten müssen, doch ich ließ den Rucksack an eben beschriebenem Platz stehen. Mein Kollege setzte sich im Folgenden neben meinen Rucksack. Das Boot fuhr los und langsam begann es dunkel zu werden. Der Peruaner mit dem blauen T-Shirt lag mit dem Kopf neben meinem Rucksack. Ich döste in meiner Hängematte und schaute immer mal wieder zu meinem Rucksack rüber, ob er noch da lag. Die Nacht brach herein und ich schlief ein, wachte aber oft wieder auf und habe meinen Rucksack immer an seinem Platz gesehen. Um etwa 1 Uhr bekam ich im Halbschlaf mit, wie mein Kollege angewiesen wurde, die Seite zu wechseln, da das Boot ein wenig Schlagseite hatte. Er nahm sein Gepäck mit und setzte sich an mein Kopfende. Meinen Rucksack ließ er an meinem Fussende stehen, sodass er nun alleine stand. Ich reagierte nicht auf die Situation. Wenig später ging ich noch einmal auf Toilette und habe meinen Rucksack an seinem Platz gesehen. Dies sollte die letzte Chance gewesen sein, ihn "zu retten" denn als ich etwa um halb 5 Uhr aufwachte waren mein Rucksack und der Peruaner mit dem blauen T-Shirt weg. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt an der Anlegestelle von "Iparia". Nach Gesprächen mit verschieden Passagieren und der Bootsbesatzung konnten wir relativ sicher festlegen, dass der Typ mit meinem Rucksack entweder in Galilea oder Ahuaypa, etwa 2 Stunden flussabwärts ausgestiegen war.

Wie sollte ich nun reagieren? Ich hatte kein bisschen Geld und mein Kollege wusste auch nicht richtig mit der Situation umzugehen. Ich hätte wahrscheinlich in der Dunkelheit in dem mir unbekannten "Iparia" aussteigen sollen und mit dem nächsten Boot flussabwärts fahren sollen, doch ich entschied mich dafür, bis nach Curiaca zu fahren, um dort weitere Schritte einzuleiten. Um 1 Uhr Mittag am Donnerstag kamen wir endlich an. Ich rief im AIDER Büro an und wurde angewiesen, mit dem gleichen Boot wieder zurück zu fahren und in Galilea und Ahuaypa nach meinem Rucksack zu suchen.

Mir war bereits zu diesem Zeitpunkt und auch schon in den Stunden zuvor klar, dass diese Unternehmung wenig Sinn hatte. Ich hatte meinen Rucksack leichtsinnig "weggegeben" und dass ich ihn nie wieder sehen würde, war die einzig gerechte Strafe. Die Nachforschungen in den beiden Comunidades brachten wie zu erwarten nichts. Mein Kollege Hollario musste mich begleiten und hat so seine Bootsreise um weitere 24 Stunden verlängern müssen. Der Arme.

Ich kam am Freitag Nachmittag nach 48 Stunden auf dem Fluss wieder in Pucallpa an. Mein Rucksack mit fast allem wertvollen, was ich hier in Peru besitze, ist weg und ich werde ihn nie wieder sehen.

Ich bin vor allem wegen der Kamera sehr traurig. Auch wenn es blöd klingt, aber sie ist in den letzten Jahren auf meinen Reisen ein Teil von mir geworden. Das Fotografieren war für mich immer ein Mitgrund für Reisen. Ich stehe nun vor der Frage, ob ich mir noch hier in Peru eine neue Kamera zulegen soll. Momentan kann ich das noch nicht entscheiden. Dafür spricht, dass ich mein angefangenes Werk, eine ausführliche fotografische Dokumentation meines weltwärts Jahres, vortsetzen könnte. Dagegen spricht, dass ich unter Umständen damit rechnen müsste, dass mir auch eine zweite Kamera geklaut würde. Möglicherweise kann es sogar für mich eine Chance sein, dieses Land mit einem neuen Blick zu betrachten. Immerhin habe ich in den letzten Jahren viele Situationen, Landschaften und Bilder nur durch die Linse meiner Canon gesehen und somit vielleicht die Realität verpasst.

Alles andere lässt sich glücklicherweise relativ problemlos, wenn auch finanziell aufwendig, richten. Ein neues Handy werde ich mir noch diese Woche kaufen und ich habe bereits die obligatorische Anzeige hinter mir, damit ich von der Deutschen Botschaft eine neue "Tarjeta Verde" ausgestellt bekomme.

Ich hoffe, dass ich duch dieses Ereignis in Zukunft besser auf meine (Wert)Sachen aufpassen werde. Da mir bis jetzt noch nie wirklich etwas geklaut wurde, war es vielleicht ganz gut, dass ich nun auf relativ harmlose Art und Weise wachgerüttelt wurde. Peru ist ein wunderschönes Land, ich habe hier unvergessliche Erlebnisse gehabt und werde sie sicherlich in Zukunft auch noch haben, doch man darf nicht vergessen, dass es auch eine Kehrseite gibt. Diese besteht aus hoher Kriminalität, Korruption und Armut. Dies habe ich in letzter Zeit anscheinend das ein oder andere Mal zu oft ausgeblendet und bin unvorsichtig durch das Leben hier gegangen. Ich hoffe, dass ich Donnerstag Morgen für meine Zukunft gelernt habe.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Abwesenheitsnachricht

Heute geht es endlich wieder in eine Comunidad. Nachdem bei AIDER mit der Planung mal wieder alles drunter und drüber ging, ich zweimal auf morgen vertröstet wurde und ehrlich gesagt ziemlich genervt war, geht es heute endlich nach Curiaca. Dort werde ich entweder, was jetzt noch nicht genau fest steht, an einer Baumzählung im Forstgebiet teilnehmen, oder mir alternativ irgendeine Aufgabe dort suchen. Dementsprechend kann ich noch nicht genau sagen, wann ich genau wieder in Pucallpa sein werde. Spätestens aber wenn am 17.12. mit einer kleinen Weihnachtsfeier das Jahr 2010 beschlossen wird werde ich wieder hier sein. Ich feile bereits jetzt schon an der nächsten Reiseplanung. Bis dahin sende ich euch feuchtwarme Grüße ins verschneite Deutschland!